musik

- Es gibt Momente, in denen ich einen kleine Eindruck habe von dem, was hier so geschehen soll, weißt du.
Jan läßt eine kurze Pause entstehen und sieht Melanie an. Sie nickt. In ihren Augen liegt Verständnis und Jan spürt einfach nur den Wunsch sie zu küssen.
Als sich seine Lippen von ihren lösen, spricht er weiter.
- Es ist als könnte ich für einen kurzen Augenblick durch das Schlüsselloch Gottes schauen. Jan fühlt wie er rot wird, doch Melanie legt einfach nur ihre Hand auf seinen Arm.
- Und dann sind da diese Situationen, in denen ich keine Ahnung habe, was eigentlich geschieht. Um mich herum, mit mir. Und es wird mir klar, dass ich nicht einmal der Nabel meiner eigenen Welt bin.
Jan sucht wieder ihren Blick. Hangelt sich daran entlang, bis er so etwas wie festen Boden spürt. Er greift nach ihrer Hand. Läßt sich nicht mehr los.
- Als würde ich kein einziges Wort verstehen. Alles macht keinen Sinn und mein Hirn versucht die Botschaften zu entschlüsseln – dann läuft es nur wie im Leerlauf heiß.
Dieses Mal sucht Melanie Jans Augen. Sie findet sie nicht und so suchen ihren Lippen einen Weg und finden seinen Halsansatz. Dann begegnen sich auch ihre Blicke.
- Wenn du eine Sprache für diese Welt wählen müßtest, eine Sprache, die für alle gelten sollte, die alle Menschen sprechen würden, welche wäre es?
- Musik.

nächstes Mal

    - Meinst du es könnte mit uns klappen?
   
- Mh. Ich habe eine Frau. Das weißt du?! Und du und ich.. vielleicht im nächsten Leben.
   
- Bist du katholisch?
   
- Evangelisch.
   
- Ihr glaubt nicht an Wiedergeburt, oder?
    Kopfschütteln.

Vermutlich Wissen

Steffen saß auf der Treppe, leckte an seinem Eis. Obwohl er wohl mehr versuchte, dass nicht zu viel davon schmolz, über seine Hand lief und auf den Boden tropfte. In Gedanken verwünschte er sich, dass er einen Becher genommen hatte und keine Waffel. Jetzt erklärte er sich auch das leichte Lächeln des Eisverkäufers. Ein Schlingel – vielleicht war er aber auch nur freundlich gewesen.
Steffen aß weiter sein Eis und gönnte den Tropfen, die seiner Zunge entkamen, die kurze, trügerische Freiheit. Es bildeten sich kleine Pfützen. Steffen sah wie die zähe Masse sich weiter ausbreitete, fast schon zu träge einfach nur zu verdunsten.
Weiter unten an der Treppe, im Halbschatten der Häuser suchten noch andere als der Eisverkäufer nach Geschäften. Die Saison war immer kurz, die Touristen leicht genervt. Es war ein Kunststück, den Punkt zwischen Interesse wecken und Belästigung zu finden, der sie Geld ausgeben ließ.
So wie der Wahrsager, der zwei Klappstühle hingestellt hat, auf einem sein Hintern, auf dem anderen seine Füße. Steffen sieht nur seinen Rücken und stellt sich vor, dass er die Augen geschlossen hat. Fast schon sicher, wann der nächste Kunde kommt.
Immer, wenn ein Zukunftssuchender einen Fingerzeig erwartet, nahm er seine Füße vom Stuhl und bot den Platz an. Die Leute setzen sich und er rutscht ein Stück näher heran. Meist schaute er erst in die Hände, fuhr die Linien entlang. Fast schon liebevoll. Dann nickte er, wackelte mit dem Kopf, ab und zu zuckte er mit den Schultern. Danach sah er in die Karten und langsam purzelten die ersten Worte. Steffen sah das weniger an ihm selbst, als an der Haltung der Kunden, wenn sie ein kleines Stück näher rutschten, vielleicht den Kopf schief legten, um besser zu hören.
An ihren Reaktionen war man beinahe die Weissagung abzulesen. Oder daran, ob sie ihm zu Abschied die Hand gaben, sich bei ihm bedankten.
Steffen stellte sich anhand dieses Verhaltens den Inhalt dieser Weissagung zusammen. Er erfand Geschichten mit Schicksalsschlägen, vorbestimmten Wendungen, Glück in der Liebe, Pech im Spiel. Ein paar Namen, Orte, Daten und kleine Chroniken entstanden. Bei manchen musste er lachen, andere stimmten ihn melancholisch. Und Steffen stellte sich vor, dass es dem Wahrsager ähnlich ging. Die großen, bedeutenden Dinge und Gefühle. All die kleinen, alltäglichen und nichtigen Problemchen.

Als sein Eis alle war, wischte er sich die Hand mit einem Taschentuch ab und machte sich auf den Weg die Treppe hinunter. Obwohl ihn der Wahrsagen nicht sehen konnte, nahm der die Füße vom Stuhl, als Steffen hinter ihm stand.
Steffen tat nicht einmal verwundert und setzte sich. Wortlos reichte er dem Wahrsager die Hand, ließ die Karten sprechen. Sah auf das Gesicht, auf das Spiel der Mimik, auf das Spiel von Licht und Schatten in den Augen. Er kannte die Orte, die Namen, von denen er kam selbst. Manche behaupteten, dass Propheten nichts anderes waren als Mathematiker des Lebens. Sie errechneten aus dem, was geschah, dass was geschehen wird. Aber so einfach ist das wohl nicht immer.

Der Wahrsager sah auf und seine Lippen bewegten sich zögerlich. Doch bevor sie das erste Wort formen konnten, winkte Steffen ab.
- Du hast aus meiner Hand gelesen. Ich aus deinem Gesicht. Mehr will ich nicht wissen.
Überzeugung in dem einen Gesicht, etwas wie Verwunderung im anderen. Dann ein Lächeln bei beidem. Und noch eine Kleinigkeit später das Lachen des Wahrsagers. Steffen bedankte sich, gab ihm die Hand. Ein Handschlag, klebrig wie die Vergangenheit. Dann lösten sich die beiden Hände voneinander.

In einem Zug

Ein Gespräch in der S-Bahn belauscht.

Er sitzt ihr gegenüber. Beide sitzen locker, die Füsse nebeneinander. Sein Blick versucht an ihrem Gesicht hängen zu bleiben. Gelingt nicht. Rutscht, schlingert über ihren Körper. Bleibt hängen.
Er sagt: “Du hast da einen Riss in der Hose.”
Sie: “Mist! Ich dachte man sieht das nicht.”
Er grinst, zeigt auf das Loch in ihrer Hose - das sich in ihrem Schritt befindet.
Sagt: “Du kannst mir ja Bescheid sagen, wenn das Loch größer geworden ist.”
Ihr Gesicht vereist, gerinnt. Ihre Augen verengen sich.
Sie sagt: “Nein” und man hört die Ausrufezeichen deutlich, “Nein. Wenn dann kommt das zur Oma, zum Nähen.”
Betretenes Schweigen. Der Einzige, der noch grinst ist der Typ neben den beiden.