Bahnhöfe sind auch Geschichtenerzähler

Er kaut Kaugummi, blinzelt in die Sonne, lehnt sich zurück. Soweit das eben auf einer Bank ohne Lehne geht. Schaut nach links, sieht nach rechts. Kaut Kaugummi. Das Schmatzen stört mich heute genauso wenig wie das stetige Vorrücken der Zeiger der Bahnhofsuhr. Wir haben nix vor.
- Bahnhöfe sind auch Geschichtenerzähler.
- …?
- Sie lassen einen Rückschlüsse ziehen, ohne, dass man die ganze Handlung kennen muss.
Er deutet mit seinem Kinn auf zwei rennende Frauen.
- Wenn du dir die beiden Frauen anguckst, weisst du sofort, dass der Zug hier nur alle zwei Stunden hält.
- Und ihr verschwitztes Lachen verrät dir, dass sie den Zug nur noch erwischen können, wenn er Verspätung hat.
- Weil er Verspätung hat. Er steht noch auf dem Gleis.
- Er könnte aber auch jede Minute abfahren.
Er dreht sein Gesicht wieder in die Sonne und schließt die Augen.
Ich sehe, wie die eine Frau sich an die Hüfte fasst und irgendetwas ruft. Die andere dreht sich um, geht langsam zurück. Die beiden umarmen sich.

Genau in diesem Moment fährt der Zug ab. Die beiden lachen aus vollem Herzen, sehen sich um und gehen lächelnd zu einer Bank. Sie erzählen miteinander, als wär gerade eine von ihnen angekommen. Und nicht, als hätte sie den Zug verpasst. Bahnhöfe sind Geschichtenerzähler.

gegenmikado II

- Urteile sind schnell gesprochen und manchmal muss auch der Richter eine Schuld tragen.
Er sieht mich nicht an.
- Weißt du noch die Geschichte, als ich meinem Vater das Auto geklaut hatte? An dieser Kreuzung, an der ich dir den Witz vom Frosch der Jim Beam trinkt, erzählt hab.
Ein Lächeln. Kurz. Wie ein Schatten.
- Manchmal habe ich dass Gefühl, dass ich immer losgerannt bin, während du erst einmal stehen geblieben bist und dir die Lage der Dinge angesehen hast. So konntest du mich oft noch rechtzeitig warnen, bevor ich mich verrannt, verlaufen hab. Ich wollte immer schon wissen, was kurz vor dem Horizont kommt.
Ein Stein wird von seinem Schuh getroffen, springt über die Straße, platzt am gegenüberliegenden Bordstein auf.
- Genauso wollte ich aber immer auch wissen, wie es weitergeht. Ich habe alle Bücher zu Ende gelesen, habe nie das Kino vor Filmende verlassen, jede Platte durchgehört, auch, wenn ich dann am Ende nur ein Lied mochte.
Er sieht auf die Uhr.
- Ich spiele mit dem Leben Gegenmikado. Ich will nicht stehen bleiben. Und ich werde herausfinden, was es mit dieser Frau auf sich hat, mir der ich seit 8 Jahren zusammen bin. Ich werde herausfinden, was kurz vor unserem gemeinsamen Horizont kommt. Ich werde herausfinden, ob dieser eine Moment kommt, der alles andere nichtig werden lässt. Ich werde es herausfinden.
Seine Worte gehen in ein Flüstern über.
- Du hast solange auf mich aufgepasst. Hast über mich gewacht, von deinem festen Standpunkt aus. Während ich einfach losgerannt bin.
Er sieht mich wie zum aller ersten Mal an.
- Wie weit kannst du gucken? Wie laut kannst du rufen? Weil: Manchmal verstehe ich dich nicht mehr.

gegenmikado

Wir waren 17 und du hattest den Wagen deines Vaters aus der Garage ausgeborgt. Die Sonne stand hoch, wir hatten das Verdeck und Sonnenbrillen auf, die Ellenbogen auf den Türen, die Musik war laut.
Irgendwann an diesem Tag standen wir eine viertel Stunde an einer Kreuzung und lachten über einen Witz, den ich mittlerweile vergessen hab. Du hast noch gelacht und ich habe breit gegrinst, als du den Gang wieder eingelegt hast. Mein Blick folgte deinem nach rechts und ich sah den Wagen kommen. Du hast aufs Gas getreten. Meine Fantasie dichtet heute meiner Erinnerung den Geruch von qualmenden Bremsklötzen und das Geräusch quietschender Reifen hinzu. Du hast gelacht und das Gas noch mehr durchgetreten.

- Sie hat auch ihre schlechten Seiten, hast du oft gesagt, wenn du von den letzten Nächten mit ihr angegeben hast. Früher, wenn deine Stimme Schmierseife war. Heute schleicht sich eine ähnliche Formulierung in deine Geschichten.
- Sie hat auch ihre guten Seiten.

Nach der Geschichte an dieser Kreuzung hielt ich dich für cooler, als ich es jemals werden würde. Und dann hast du mir irgendwann erzählt, wie man mit dem Leben Gegenmikado spielt. Und heute würde ich an der selben Kreuzung wieder eher auf die Bremse treten.

Soupermarkt

Man braucht gar nicht bei den Leuten auf die Einkaufsliste schmulen, in ihren Korb gucken, sich an der Kasse nach ihnen anstellen. Man braucht das alles nicht, um etwas über ihre Essgewohnheiten zu erfahren. Manchmal reicht es, dass man im günstigen Moment vorbei geht. Und dann sieht man vielleicht, wie der Kleine gerade eine Packung Spaghetti nach der anderen aus dem Regal nimmt, die Nudeln fein säuberlich in der Mitte zerbricht und, wenn dann Mama irgendwann leicht verstört guckt, dann sagt er so was wie:
- Guck mal, jetzt können alle ihre Spaghetti viel einfacher essen.

Einmalig

Es hat eine Weile gedauert. Ich könnte keine Dauer angeben, keine Tage, keine Stunden. Aber jetzt weiss ich es. Weil unsere Herzen im gleichen Takt schlugen, die gleiche Musik spielten. Genau in dem Moment, als ich dich das erste Mal gesehen hab. Am Valentinstag.

Ich weiss, dass du einer der größten Lieben meines Lebens wirst. Ich weiss es einfach.

Einmal

Ich erinner’ mich noch an die Federball-Spiele, bei denen du mich immer gewinnen lassen hast. Obwohl das wahrscheinlich nicht immer einfach war. Auch der Geruch deines Werkzeugkellers oder der Garage liegt mir an und ab in der Nase. Ich schmunzel dann immer. Und denke daran, wie du mich das erste Mal mit deinem dünsten Bohrer hast arbeiten lassen. Meinen ersten Satz Werkzeuge habe ich von dir bekommen.

Oder wie wir auf der Bank an der Rückseite des Wochenendhauses saßen und auf das Gestell für die Schaukel gesehen haben. Wir haben meist dabei geschwiegen. Oder haben beide gelesen. Es war diese bestimmte Art von Schweigen. So viele unausgesprochene Worte. Vielleicht weil sie einfach zu viel gewesen wären. Nicht notwendig. Vielleicht auch, weil dir kleine Gesten immer mehr gelegen haben, als Worte.

Guck doch ab und an mal bei uns vorbei. Wir müssen nicht reden. Es reicht einfach das Gefühl, dass du da warst. Und bis wir uns wiedersehen, werde ich vielleicht wieder eine Schaukel an das Gerüst gehangen haben. Bis wir uns einmal wiedersehen. Auf wiedersehen.

manchmal

Schon beim Blick an die Wand und diesem fast lustvollen Seufzen rechts von mir kommen mir die wildesten Gedanken. Egal. Ich schüttel ab, schließe den Reissverschluss und gehe mir die Hände waschen.

Wenig später steht er dort wieder neben mir. Und seufzt noch immer. Mein Seitenblick lässt ihn hochsehen.

- Diese Toilette erinnert mich immer an meine Exfrau.

Ich sehe mich um. Bunt bemalte Wände. Papierhandtücher auf dem Boden. Ein angebrannter Kondomautomat. Und mir sprudelt der farbige Assoziationsspringbrunnen Bilder vor mein geistiges Auge. Fast bekomme ich Mitleid.
Er scheint meine Gedanken zu lesen.

- Wir haben uns hier bei einem Konzert kennengelernt. Das Damenklo war voll und da haben sie einige Mädels hier reingeschickt. So hab ich meine jetzige Exfrau kennengelernt.
War das eben ein Lächeln auf seinem Gesicht?

- Na ja, ihren neuen hat sie bei einer Tupperparty kennen gelernt. Scheint was bodenständiges zu sein.

Er trocknet sich die Hände ab und geht.

Ich gehe meine Assoziationen noch mal durch, packe sie gegen die Schablone, die er mir geliefert hat. Es fehlen immer noch Stücke für eine ganze Geschichte.
Manchmal ist das Leben langweiliger, als wir es uns vorstellen. Manchmal ist es spannender. Und manchmal fehlen der Anfang und das Ende der Geschichte.

zeit ist … relativ V

Es hätte ein schöner Abend werden können. Beide früh zu Hause, nix weiter vor oder zu tun. Er sieht auf die Uhr vor zehn Minuten haben sich dann beide in die Haare bekommen. Wegen einer Kleinigkeit, Krimskrams. Aus ner Mücke undsoweiter.

Und nun sitzt sie bei Lisa Plenske und er vor dem Rechner und guckt Emails.

Er löscht drei Spams. Aber immerhin eine nette Email ist dabei. Sie endet mit Deine Mail sagt mir es sei 1980. Und ich fühl mich gar nicht wie neun Jahre….
Er guckt nach und irgendwie ist am Rechner das Datum verstellt gewesen. 1980. Neun Jahre. So einfach kann das mit den Zeitreisen sein?, fragt er sich.

Er nimmt den Wecker in die Hand, stellt ihn eine halbe Stunde zurück und geht zu ihr.

3 doors down

Vielleicht ein Friseur-Salon, vielleicht eine Billard-Halle oder eine Sauna. Und natürlich wäre auch eine Kneipe denkbar. Musik im Hintergrund. Getränke in der Hand. Einer von beiden hat den Blick etwas gesenkt. Der andere mit konzentriertem Seitenblick.
- Ich hatte sie zum Videoabend eingeladen. Und sie hat gesagt warum kommst du nicht zu mir? Ich meine: sie hatte eine Ein-Zimmer-Wohnung, ihre Couch war auch ihr Bett, und so bin ich an die Sache rangegangen, verstehst du?
Kaum merkliches Kopfnicken.
- Erst sind wir essen. Aber als ich die Kellnerin nach Kerzen fragte, nach Wein und Gläsern, winkte sie ab und bestellt ein Bier.
Er nimmt einen Schluck und spricht dann weiter.
- Sie hatte einen Film rausgesucht, mit genug Anspielungen .. und so zog ich sie irgendwann an mich heran. Ich küsste ihren Nacken, streichelte über ihre Haare, naja, und so weiter. Sie schnurrte. Also nicht wie Katzen, aber sie schnurrte ganz deutlich, ich sah die wohligen Schauer über ihre Unterarme laufen. Aber irgendwann begannen die deutlichen Hinweise.
Er sieht in sein halbleeres Glas.
- Sie begann zu Gähnen und so. Schließlich saßen wir wieder nebeneinander auf der Couch. Ich dachte, ich könnte über Nacht bleiben, sagte ich. Sie schüttelte ohne Zögern den Kopf. Also zog ich mich an und ging.
Er stellt sein leeres Glas ab.
- Sie blieb in der Tür stehen, während ich die Treppe hinunter ging. Auf der Hälfte drehte ich mich noch einmal um und sah sie an. Kannst du eigentlich noch etwas anderes gut, als Lächeln, fragte sie. Küssen, sagte ich. Dann komm her und beweis es!, forderte sie mich auf.
Er gibt der Kellnerin ein Zeichen und weist auf unsere beiden Gläser. Ein Nicken.
- Weisst du, eigentlich weiss man das immer erst viel später, manchmal zu spät, aber einige Treppen sollte man auch nicht wieder hinaufgehen.

Hinterm Horizont

Mit einem Mal standen diese paar Worte mitten im Raum.

- Mit X. schreib ich mich ja auch noch, und dazu dieser schiefe Blick.
Warum sagte sie mir das? Und was sollte ich schon sagen - oder fragen? Geht es ihr gut (nach der Zeit mit mir)? Ist sie glücklich (ohne mich)? Und: würde jede denkbare Antwort irgendeinen Unterschied machen?

Vielleicht habe ich mir diese Fragen gestellt; vielleicht hätte ich ihr diese Fragen stellen sollen.

Aber soweit hinter dem Horizont blieb mir nichts mehr. Als ein Lächeln. Ein Gedanke wie ‘Es war, was es war’, sagt die Zeit. Und die Frage: wie geht’s dir?

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