stand by

Wer gibt schon gern zu, dass etwas durch sein Zutun kaputt gegangen ist?

Und als eines Nachmittags daheim im elterlichen Zuhaus der Fernseh mitten bei Happy Days erst aus und dann selbst auf gute Zusprache nicht mehr anging, da habe ich erstmal so getan, als wäre nix. Auf leisen Sohlen wieder ins Kinderzimmer und alle Sessel, Tischdecken und Fernsehzeitungen auf Ausgangsposition.
Da der Fernseher an diesem Abend auch nicht mehr angeschaltet werden sollte, fiel auch keinem etwas auf und ich hatte erst einmal einen Tag gewonnen.

Als ich am nächsten Tag vom Fussballplatz wieder nach Hause kam, lag etwas in der Luft. Dicke Luft. Es wurde jedoch nur ein kurzer Vortrag - über pünktlich zum Abendbrot Zuhause sein.
Und so setzte ich mich zum Abendbrot mit Eltern und Schwester an den Tisch, wir sahen gemeinsam Nachrichten und ich glaubte an kleine Wunder. Vielleicht ist das manchmal so, dachte ich, dass man Dinge einfach mal in Ruhe lässt und dann gehen sie einfach irgendwann wieder.

Vielleicht gilt das ja heute immer noch. Einfach etwas Zeit, einfach etwas Heilung. Langweilige Mittelteile in Romanen, Filme ohne Happy-End, Bandauflösungen aus Streit und selbst verlorene Freundschaften. Einfach etwas Zeit ins Land gehen lassen.

Aber Einschalten muss man selbst wohl wieder irgendwann.

Creme de la creme

Es wird schon so sein, dass einige länger brauchen, als andere. Um sich abzunabeln von Mama und Papa. Irgendwo zwischen kurz nach dem dritten Mal sitzen bleiben und dem dreiundzwangzigstem Semester Parapsychologischer Kulturprophylaxe. Der eine lernt dann recht schnell kochen und der andere subsumiert unter Kochbuch immer noch den Falter vom Pizzabringedienst.

Was ich mich halt nur frage: Wie alt mag der Typ, der mir in der Bahn gegenübersitzt sein? Ende dreißig, Anfang vierzig? Und: ob ihm seine Mama die beiden Punkte Creme auf die Wangen aufgetragen hat?

Pawlow

Es gibt sie ja - diese Leute, die sich stundenlang über Autos unterhalten können. Typ, Hersteller, Version, Farbe, Motor, Auspuffanlage, Felgen, Musikanlage, Baujahr, Spritpreise in diesem Jahr, Zumischverhältnis, Verdichtung, PS und die Umrechung in KW mit drei Stellen hinter dem Komma. Dazu Unmengen an Zahlen, Abkürzungen, Fachausdrücken. Und sofort läuft Geifer, Speichel, Hormone werden ausgestoßen.
Ich weiss nicht.

Bei mir lösen Autos keinen Pawlow aus.

Na ja, ganz ehrlich? Es gibt diesen einen Typ, dieses einen Herstellers, wenn der mich in einer bestimmten Farbe umfährt oder an der Ampel stehen lässt - da kriege auch ich einen Pawlow, meine Augen werden glasig, mein Blick entrückt, meine Hände feucht. Und ich denke an den Klang aus den Boxen - und mehr noch, den Klang ihrer Stimme, das Drücken der Federn des Rücksitzes, das Drängen der Hormone..

Und, wenn mir dann und wann genau dieses Auto über den Weg läuft, dann wisch ich mir mit dem Handrücken über den Mundwinkel und grinse etwas seltsam vor mich hin. Aber mit Pawlow hat das überhaupt nix zu tun.

prinzipiell

Vielleicht starrt er einfach die Leute an, kann schon sein. Könnte aber auch sein, dass er wartet, dass ich auf seinen starren Blick reagiere. Also gut, ich schaue ihn an.
Ohne einen Seitenblick zeigt er scheinbar wahllos auf Leute, die an uns vorbeigehen.
- Was meinst du: Wissen die Leute mehr, über das grundlegende Prinzip, die grinsen oder die, die gelangweilt gucken..?

weissu noch

Wir waren 18,19, einige waren 20. Wir kamen aus der Schule. Das Leben lag ausgebreitet vor uns. Alles war möglich. Selbst wenn wir schon eine Ahnung hatten, was kommen könnte. Studium, Lehre, Zeit zum Überlegen, Auszeiten, Arbeitslosigkeit, Aushilfsjobs, der Kater oder die Liebe unseres Lebens.

Wir lagen fast den ganzen Tag am See, gingen zur Bandprobe, tranken, schluckten, rauchten, lachten viel. Auch Freudentränen schmecken salzig.

Irgendwer hatte immer einen Plan. Wenn der auch nur auf einen Tag ausgerichtet war. Irgendwer hatte Geld dabei. Selbst wenn das nur für einen Abend reichte. Irgendwer war immer unsterblich verliebt. Wenn auch nur für eine Nacht.

Und jede Nacht war voller Sternschnuppen, warmen Wind, Lagerfeuer. Ich glaube, das könnte mein zweitbester Sommer gewesen sein.

Und der beste.. vielleicht dieses Jahr. Und dann: immer wieder.

puzzle

Sowas wie Fakten:

Als sie sich trafen spielte das Radio gerade Jeremy Days. Brand new toy.

Am ersten Abend erzählte sie ihm, dass sie als Kind alle neuen Sachen mit ins Bett nehmen musste. Sie musste einfach neben ihnen einschlafen.

Eine Studie besagt angeblich, dass Paare, die gleich die erste Nacht miteinander verbracht haben, lange zusammen bleiben.

Sie sind jetzt dreiundzwanzig Jahre zusammen.

Manchmal ist es recht einfach sowas wie Wissen oder zumindestens eine Art von Fakten zu sammeln. Aber es ist wohl nicht immer so einfach, diese auch miteinander zu verbinden. Und, wenn es schon sinnlos ist, etwas unendliches an etwas endliches zu binden.. also das Sammeln von Wissen an die Zeit, die jeder von uns hat, wieviel schwerer muss es sein, das gesammelte Wissen dann einfach und logisch zu verknüpfen und Erkenntnisse daraus zu ziehen.

Und dann komme ich immer wieder auf die Frage: Woher habt ihr eure Sicherheit?

nal

Auf dem Weg zum Einkaufen. Im Kopf ging ich immer wieder die Liste durch. Hätte ich mir ja auch aufschreiben können. Aber gut. Also noch einmal von aufsagen. Ein Blick nach vorn. Ein Päarchen steht da. Von ihr sehe ich nur den Rücken, aber sein Blick… In seinem Blick liegt etwas, dass ich nicht sofort deuten kann. Als dieser Blick nach Sekunden bricht, laufen Tränen über sein Gesicht.

Als ich auf gleicher Höhe mit ihnen bin, höre ich ihre Stimme.
- .. Freunde bleiben.

Da verstehe ich. Sein Blick. In diesem kurzem Moment. Nichts als Liebe.

Ich gehe weiter ohne mich umzusehen. Mir gehen Bilder durch den Kopf. Erinnerungen, Lieder, Filme. Dieser Moment, sein Blick erinnert mich an so vieles. Im Laden stelle ich schließlich fest, dass ich mir doch eine Liste hätte schreiben sollen.

you might say II

Ich habe gelesen, dass ein Baby im Bauch seiner Mama jeden Tag sechszehn Stunden schläft. Neun Monate. Jeden Tag.
Wieviel Platz für Träume bieten diese Stunden. Vorstellungen. Wünsche. Sehnsüchte. Bilder von unvorstellbarer Schönheit.

Daher ist es wohl kein Wunder, dass jeder Mensch, wenn er diese Welt betritt, den Kopf voller Ideen, wunderbarer Gedanken und Wünsche, Träume hat.

Ausreichend für ein ganzes Leben.

son’ne Sache

- Weißt du was Witze und Komplimente gemeinsam haben?
- Man sollte die Pointe nicht versauen?
- Wenn man sie erklären muss, iss’es hinüber.
- Was hastn gesagt?
- Das alle behaupten, Wasser sei der Urspung allen Lebens.
- Mh.
- Ich glaube aber, dass vor jedem Anfang eine Anziehungskraft erforderlich ist. Eine Anziehungskraft, die mindestens eine Stärke hat, Universen zu erschaffen.
-…sie hat’s nicht geschnallt?
- Sie hat’s nicht geschnallt.

Bahnhöfe sind auch Geschichtenerzähler

Er kaut Kaugummi, blinzelt in die Sonne, lehnt sich zurück. Soweit das eben auf einer Bank ohne Lehne geht. Schaut nach links, sieht nach rechts. Kaut Kaugummi. Das Schmatzen stört mich heute genauso wenig wie das stetige Vorrücken der Zeiger der Bahnhofsuhr. Wir haben nix vor.
- Bahnhöfe sind auch Geschichtenerzähler.
- …?
- Sie lassen einen Rückschlüsse ziehen, ohne, dass man die ganze Handlung kennen muss.
Er deutet mit seinem Kinn auf zwei rennende Frauen.
- Wenn du dir die beiden Frauen anguckst, weisst du sofort, dass der Zug hier nur alle zwei Stunden hält.
- Und ihr verschwitztes Lachen verrät dir, dass sie den Zug nur noch erwischen können, wenn er Verspätung hat.
- Weil er Verspätung hat. Er steht noch auf dem Gleis.
- Er könnte aber auch jede Minute abfahren.
Er dreht sein Gesicht wieder in die Sonne und schließt die Augen.
Ich sehe, wie die eine Frau sich an die Hüfte fasst und irgendetwas ruft. Die andere dreht sich um, geht langsam zurück. Die beiden umarmen sich.

Genau in diesem Moment fährt der Zug ab. Die beiden lachen aus vollem Herzen, sehen sich um und gehen lächelnd zu einer Bank. Sie erzählen miteinander, als wär gerade eine von ihnen angekommen. Und nicht, als hätte sie den Zug verpasst. Bahnhöfe sind Geschichtenerzähler.

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