Verschiedenes XXVII
a) Standing on the shoulders of giants
Was sich wohl Berge denken, wenn Bergsteiger behaupten, sie hätten sie bezwungen?
b) zum verwechseln
Bleiben die Fragen die selben und die Antworten ändern sich? Oder ist es anders herum?
a) Standing on the shoulders of giants
Was sich wohl Berge denken, wenn Bergsteiger behaupten, sie hätten sie bezwungen?
b) zum verwechseln
Bleiben die Fragen die selben und die Antworten ändern sich? Oder ist es anders herum?
a) Herr Zitiert
Es gibt viele Arten, zu vergessen.
Eine ist, sich zu erinnern.
b) roarviewmirror
Es war das Abschiedskonzert einer der Bands. Wie man so sagt: mit denen ich aufgewachsen bin. Keine genaue Ahnung wie oft ich sie live gesehen habe. 15, 20 mal. Wer zählt das schon. Wir sind bis an die Küste hoch gefahren. Und runter bis an die Berge. Ein ganzes Festival, nur weil sie dort spielten.
Und nun: das Abschiedskonzert. Und während ich eigentlich weiter vorne im Mosh-Pit sein sollte, starre ich auf den Typen der neben mir steht. Wahrscheinlich nicht einmal unauffällig. Er guckt zurück. Es dauert eine Weile, bis ich das mitkriege. Ich bin so in meine Fragen verstrickt. Woran merkt man, dass man zu alt ist für diese Konzerte? An Typen, die neben einem stehen und Hörgeräte tragen? Ich grübble noch eine Weile, während er wahrscheinlich schon seine Antwort gefunden hat.
Man merkt es an Typen, die einen anstarren, weil man Hörgeräte trägt. Während ihnen selbst zusammengerollte Tempos aus den Ohren gucken.
Es dauert einen Moment, bis ich diese scheinbar seltsamen Musiktitel durchschaue. Diese eine Nacht in Prenzlberg. Oder Die helfen immer. SterneSterneSterne. Oder auch ganzunten. Ich scrolle weiter und weiter. Billardabend. Baggersee Musik. Meeresrauschen. Herzsollbruchstelle.
Meine CDs sind immer noch alphabetisch sortiert. Die Platten nach Musikrichtungen. Und auf dem mp3-Player ist alles nach allem möglichen sortiert.
Nur bei ihr habe ich diese Genres gesehen. Wie ein Kuss. Der Schatten von Ewigkeit. Im Park Wolken gucken.
Und als ich dann sehe worunter Maria Magdalena gespeichert ist, sind die Bilder wieder da. Schon bevor die ersten Töne erklingen.
– Ich habe so viele Chancen verpasst, ich blinzel noch in die Sonne während der Satz mitten auf dem Rasen steht, mit dem Blick aufs Wasser. Eine halbe Stunde vor dem Ende ihres Schweigens hatte sie noch über ihr Glück und seine Anzeichen geschwärmt. Wahrscheinlich wollte sie sich sogar selbst glauben.
– Ich habe so viele Chancen verpasst, ihr Kopf nickt, ihr Körper verneint, es kommt mir vor, als würde ich jahrelang entlang einer Straße gehen, die ich nicht überqueren kann. Ihr Mund immitiert ein Lächeln, ihre Augen spiegeln nur die Sonne.
– Und ich frage mich so oft in letzter Zeit, ob die andere Seite nicht, sie bricht ihren Satz ab, schaut übers Wasser ans andere Ufer.
Sie sieht mich fragend an.
– Ist das Leben wirklich eine Einbahnstraße?
– Ich bin zwei Mal durch die Führerscheinprüfung gefallen, sage ich und sie lächelt nicht mal.
All diese Sätze, diese Theorien, die das Leben in ein paar Worte packen sollen. Wenn alles so leicht wäre. Worte so gewichtig.
– Es gibt immer zwei Möglichkeiten, wenn man in der Einbahnstraße Gegenverkehr hat.
– Schon klar, und falsches trägt immer auch ein Samenkorn richtig in sich.
Sie bestellt zwei Bier für uns, die wahrscheinlich kamen, nachdem wir zwei Stunden gewartet hatten. Sie hatte noch nie vorher die Zeche geprellt.
Und dann sitzt sie da und sagt so Sachen wie:
– Manchmal frage ich mich, wie lange es dauert. Wieviele gebrochene Herzen, heruntergebrannte Kerzen, abgebrannte Nächte, Sonnenaufgänge am Meer, Wohnungsauflösungen und Jahre voller Glück braucht es, bevor ich beziehungsweise werde?
Er sieht mich von unten an, kneift die Augenbrauen zusammen. Sein Mund ist mehr ein Schlitz, seine Nase wirft sich in Falten. Er bietet mir eine Zigarette an. Lächeln, Köpfschütteln. Er streckt mir die Hand mit der Schachtel noch mehr entgegen. Kopfschütteln. Die Augenbrauchen sind nur durch Falten getrennt. Die Gedanken lassen die Augen Richtung Tischdecke wandern. Das Muster, die Farbe bleibt unerkannt. Der Blick glasig, langsam entspannt sich sein Gesicht.
- Wie lange rauchst du nicht mehr?
Ich denke an den Sommer zurück. Stickige Luft in den Straßen von Köln. Nur am Wasser etwas Sauerstoff. Rauchen passte nicht dorthin. Und irgendwie war ich über den Anlass fürs Rauchen hinweg.
- Acht Jahre.
Ein kurzes Nicken.
- Wieviele Anläufe hast du gebraucht?
- Immer nur einen, die Mundwinkel zucken, jedes der fünf Mal.
In seinem Gesicht keine Regung.
- Wie ist das heute für dich, wenn jemand in deiner Nähe raucht?
- Keine Ahnung.
Ich falte die Hände, sie kneten sich gegenseitig. Der Blick senkt sich unter Brauen, die in die Mitte streben.
- Es piekst mich kurz, ich atme ein, da ist ein Ruf tief da drinnen, den ich überhöre.
Mein Blick fällt auf seine Hände. Ich suche etwas in seinem Gesicht.
- Warum fragst du?
Er sieht mich zum ersten Mal an diesem Tag mit einem offenen Blick an.
- Ich habe meine Ex wieder getroffen.
Es gab diesen Moment. Als ich zum ersten Mal auf das da hinter diesem Satz hörte. Manchmal dauert es, bis sich das unterbewusste Ohr Gehör verschafft.
- Habe Angst.
Oder auch.
- Vorsichtig sein!
Klar, es ist ein anderes Leben, wenn dein Herz außerhalb deines Körpers schlägt. Aber ich habe mich in diesem Moment gefragt, wieviel meiner Angst ich da vererbe. Wenn man vor den rutschigen Stufen warnt, vor spitzen Messern, scharfen Kanten, unübersichtlichen Straßen.
Und dein Herz rutscht aus deinen Händen. Um dann mit wackelnden Schritten immer schneller läuft.
Das ging mir alles durch den Kopf. Und just in diesem Moment sagt der Große:
- Erst Regen, dann Donner.
Einige Sekunden vergehen. Viele Gedanken in meinem Kopf.
- Jetzt Donner, und ich zucke mehr zusammen als er.
Ich hänge meinen Gedanken nach, während wir seit ein paar Minuten auf dem Balkon sitzen und dem Regen zusehen. Er erklärt mir, was er hört, wenn die Tropfen auf Blätter, Dächer oder Straßen treffen.
Mein Herz hat mir schon früher oft den Weg gezeigt. Und vielleicht sollte ich darauf auch weiter vertrauen, nun da es außerhalb meines Körpers schlägt.
a) ohne Mindestlaufzeit
Stromwechsel hab ich noch nie in Erwägung gezogen. Den Gasanbieter bestimmt mein Vermieter. Genauso wie Radio- und TV-Programme. Gut, da kann ich immer noch umschalten. Aber darum geht es nicht.
Es hat ewig gedauert, bis ich eingesehen habe, dass mein Vertrag fürs Mobiltelefon dem Stand von vor acht Jahren entspricht. Trotz aller Hinweise, guten Tipps und schlechter Werbung. Trotz aller Online-Vergleiche und Partner-Tarife. Acht Jahre. Sicher gab es dafür viele Gründe. Keine Lust auf eine neue Nummer. Bequemlichkeit. Und noch ein paar andere Gründe, die mich vor sich herschoben.
Eigentlich lag es wohl aber an dieser einen Nachricht. Die da seit Monaten und Tagen auf meiner Mobilbox war. Die ich nicht löschen mochte. Weil sie mir sagte, wie es gewesen ist. Wenn man etwas Freundschaft nennen kann, das so außerhalb der Grenzen, jenseits des Horizontes dieses Wortes liegen kann. Und so den Kern treffen.
Weil ich hoffte, dass diese Nachricht mir sagt, wie es wieder sein könnte. Jedes Mal, wenn ich mir erst eine neue und dann immer wieder diese eine Nachricht anhörte.
Deswegen konnte ich meinen Vertrag nicht aufgeben, mein Handy nicht abgeben. Ich wollte dieses Versprechen immer wieder hören, das den Hauch der Erinnerung in sich trug. Ich konnte einfach nicht wechseln und diese Nachricht verlieren. Für immer weg. Nur wegen einem Anbieterwechsel. Ich konnte es nicht.
b) mindestens
Ist es eigentlich wirklich so, dass Frauen Empathie empfinden und Männer eine technische Lösung bereit halten?
Wo deine liebe hinfällt
bleibt sie liegen
mit einem funkelnden auge
und blutenden knien
mit dem sehenden auge
fliehst du in blinde intrigen
verlierst dort die flügel
und willst nie wieder fliegen
du suchst nach licht
findest blinde affären
wo chancen sinken
sich hoffnungen mehren
nur noch dein lied
erhebt sich zu sonne und sternen
und lässt alle verstehen
es gibt nichts zu werden
du warst mir so wichtig
wie jener moment
in dem man sich anschaut
und einander erkennt
wie die sonne die man
am tage sein eigen nennt
während schatten und nacht
den tag schon verbrennt
im hellsten moment
haben wir nichts verstanden
sind nun in verfeindeten clans
und marodierenden banden
ziehen land auf und ab
das glück nicht mehr an
nur noch uns selbst auf
und kinder heran
wir suchen einander
stehen doch rücken an rücken
mitten im nichts
zwischen elefanten und mücken
vielleicht
vielleicht
ist morgen ein ort
vielleicht
vielleicht
wartet er für immer dort
auf uns
auf uns
wen immer du jetzt glücklich machst
wen immer du beraubst
nur diese eine bitte:
pass gut auf dich auf
wovor immer du angst hast
was immer du dich traust
nur diese eine bitte:
pass gut auf dich auf
wen immer du belügst
wem immer du glaubst
nur diese eine bitte:
pass gut auf dich auf
in welchen armen du auch liegst
in welche augen du schaust
nur diese eine bitte:
pass gut auf dich auf
was immer du dir wünschst
was immer du brauchst
nur diese eine bitte:
pass gut auf dich auf
egal welche du verloren
oder auf welche hoffnung du baust
nur diese eine bitte:
pass gut auf dich auf
pass auf dich auf.
Es gibt diese Momente. Das eine Mal, als jemand vor mir an der Tanke bezahlte und noch eine Schachtel Wilder Wolf – lights bestellt. Oder als die Familienministerin sagte, dass man sich damit abfinden müssen, dass es weniger Kinder geben würde. Vielleicht auch, wenn wieder dieser unendlich alte Diesel vor mir fährt, meist Mercedes oder VW Bus und jede Menge Aufkleber daran für eine Rettung der Umwelt werben. Während das Auto mehr Abgase hinter sich hinstellt, als ganz Jänschwalde. Na ja, und dieser Moment, als das Radio sagte, dass sich Kurt Cobain erschossen hat und danach spielten sie Come as you are.
Es gibt diese Momente.
So wie ich da saß und diesen Satz hörte. Und ich kann mich dann weder zurück halten, noch mich nur ansatzweise unauffällig umdrehen. Es gibt so Sätze. Es gibt so Momente. Und dann sitzt da ein Typ in der vollen Uniform der DDR – Grenztruppen und sagt: Ich hatte schon immer grenzenlose Fantasie.