verschiedenes XXIV

a) seatbelts

Seit einigen Tagen ist Fastenzeit. Bis Ostern. Sieben Wochen. Und mir wird immer wieder suggeriert, dass das alles so etwas wie ne Diät sein muss. Bis ich mich mit jemanden unterhielt, der diese Zeit nicht nur aufs weniger Essen beschränkt, sondern allgemein auf Verzicht. Von der Idee angeregt, habe ich mir selbst etwas überlegt.
Und ein anderer Gedanke war dabei – gerade in der aktuellen Debatte um Bundesverfassungsgerichtsurteile der letzten Zeit – wie schön, dass ich etwas zum Verzichten habe.

b) this is where I heal my hurts

..und oft, wenn meine Lippen die Worte wie im Himmel, so auf Erden formen, habe ich dieses Bild vor Augen. Geradeaus der Blick auf nicht viel mehr als einen windschiefen Schuppen und eine Dorfstraße, die genau diesen Namen trägt. Hühner, die im Sand scharren, das leise Gackern und diese besondere Stille, die alles leicht macht. Wir sitzen auf Kissen, die fadenscheinig sind. Gott hat nen leichten warmen Regen zu verschenken. Neben mir die Frau, die die besten Plinsen machen und rechts der Mann, der irgendwie alles gut werden lassen konnte.

Und ich hoffe, dass ich den kleinen Mäusen beides geben kann. Das Vertrauen auf die Worte. Und die Bilder, die aus den Worten wieder Vertrauen formen.

c) fsk

Zwei Filme der letzten Zeit: stilles Choas (link kino.de) und Die Kunst des negativen Denkens (link kino.de).

verschiedenes XXIII

a) perspektive

- … warum sprichst du eigentlich immer von deiner großen Liebe? Hast du schon eine kleine erlebt?

b) gesterntag

- Man, wie nannten wir die Dinger?
- Kassette?, MC?
- Ja, und was haben wir vor dem Radio gesessen und auf den Moderator geflucht, wenn der auf den Wunschtitel gequatscht hat.
- Stunden haben wir gebraucht, für MC’s, die dann unsere Auserwählte nie gehört hat..
- Und Bandsalat, man, ne Schere und Tesa-Film.
- Und genau die Bandlänge ausnutzen..
- Und Lieder in Mono..
- Und heute..
- Ja, heute..
- Kannst mir das Album brennen..?

Das T-Shirt zum Gespräch gibt’s buy FRWHC.de.

doch dann ist es

- Du bist wieder zu später, sagte sie mit etwas in der Stimme, das weniger Vorwurf war, als ich es mir wünschte.
- Zeit ist doch relativ, versuchte ich es mit einem Lächeln.
- Das hast du gestern auch schon gesagt.
- Gibt es so etwas wie gestern, heute, morgen überhaupt?
Und ein Kuss gab mir eine Idee, wie das morgen aussehen könnte.

verschiedenes XXII

a) Gespräche fremder Leute belauscht man nicht

- Dieser Rapper hatte in nem Interview erzählt, dass ne gute Beziehung für ihn auf dem Fakt beruht, dass er zu seiner Freundin sagt “öl dich ein und zieh dir Rollerblades an” und sie nix weiter sagt, als “o.k.
- Mh.
- Hab ich meiner Freundin erzählt.
- Und?
- Sie sagte: warum Rollerblades?

b) Gespräche fremder Leute belauscht man nicht II

- Die dritte Strophe von *Der Mond ist aufgegangen* versteh ich nicht.
- Ist halt n Kinderlied – und Bruchrechnung war eh nie deine Stärke.

verschiedenes XX

a) geschichten.

Im Auto. Radio. Moderatorin. Nervige Stimme. Wirkt nicht wirklich interessiert. Dadurch nicht wirklich interessant. Kein anderer Sender mehr. So kurz vor der Grenze. Läuft nebenbei. Achte weiter auf den Verkehr. Denk an früher. Träum von später. Ein paar Wörter, Satzzeichen, Geschichten? Keine Idee auf Lager. Fang meist mit dem Ende an. Hier nur Anfänge. Ineinader verknotet. Brauche ein Ende. Ein Wort. Irgendwas. Radio spricht weiter. Irgendwas von Altenheimen. Hab Assoziationen. Erinnerungen. Gefühle. Ist, als würde gleich ein Ende warten. Ein letztes Wort für eine Geschichte. Diese Reise.
Im Radio:
- Es gibt kein offenes Ende.
Fahre weiter.

b) gesichter.
Der Verkehr hat ein Gesicht für mich. Nein, keine Polizisten, keine Politessen. Die Gesichter des Verkehrs sind für mich Ampeln. Und ich habe versucht, eine Weile mehr auf die freundlichen, grünen Gesichter zu achten. Der Verkehr wurde freundlicher. Und das Leben erzählt dir was von selektiver Wahrnehmung.
Auch die Bahn hat Gesichter. Wobei ich bei mir nicht mehr von Stereotypen sprechen will. Ich habe Vorurteile. Aber vielleicht sollte ich auch hier auf positive selektive Wahrnehmung umsteuern.
Heute habe ich einen Schaffner getroffen, der nicht nur die Leute am Fahrkartenautomaten gefragt hat, ob Sie noch mitwollen, sondern auch die Tür für einen letzten Abschiedskuss aufgehalten hat.
Ich werd mal drauf achten.

verschiedenes XIX

a) so Gespräche

- …magst du was trinken.
- Nein, danke. Ich geh gleich duschen.

b) so Plakate

Plakat I von der einen Partei:
Reichtum für alle
Plakat II von der selben Partei:
Reichtum besteuern

c) so Sprüche.

Sie sitzt da, als wäre es alles viel zu lange her und hätte schon viel zu lange gedauert. Nippt an ihrem Kaffee, schaut durch die Gegend, hebt aber kaum den Blick.
- Die Liebe ist ein Spiel, sagt sie irgendwann über ihre vergangenen Beziehungen. Und ich denke an Staaten.
Später beschreibt sie ihre Sicht auf meine Beziehung und lacht, als ich ihr noch etwas später erzähle, dass ich mit Lotto aufgehört hab, als ich nur verlor.
- Pech im Spiel, Glück in der Liebe, sagt sie da.

vielleicht

Sie hielt meine Hand so fest, dass ich meine schon lange nicht mehr spürte. Was sollte ich schon spüren? Sind Gefühle Steine, die uns im Magen liegen, während wir aus ihnen Straßen bauen wollen?
Ich baute aus Taschentüchern kleine Rettungsringe, dass ihre Augen nicht ertrinken sollten. Wie lange kann die Sehnsucht in ihrem Blick die Luft anhalten? Wann hatte ich zuletzt geatmet?

Ein. Aus. Ein und aus. Als würde ein Kind das erste Mal die Funktion eines Lichtschalters entdecken. Und du sitzt nur da, hast dieses Flackern vor Augen und fragst dich wie lange die Sicherungen noch durchhalten.

Atmen. Durchhalten. Und irgendwann wird sie mir vielleicht verzeihen, dass ich jetzt weiß, was es bedeuten kann, jemanden zu seinem Glück zu zwingen.

only fear of death

Mehr aus einem Klang- und Gesprächsnebel heraus, griff ich diese Worte auf. Und sie ließen mich träumen. Meine Vorstellung ließ Bilder schweben. Wie konnte es gewesen sein? Wie wird es sich angefühlt haben? Und was war am Ende übrig geblieben? Und vielleicht träumte er noch so wie ich, als ich seiner melodiösen Stimme lauschte, die sprechend sang:

- Ich war mal Musik.

Bilder: schwarz-weiß

Das Verbotene hatte schon immer einen besonderen Reiz. Als Kind war es vielleicht weniger der Reiz der Gefahr, als die Frage „werd ich erwischt?“ oder „was soll daran schon gefährlich sein“.
So wie dieses kleine Rinnsal, das wenige hundert Meter von unserem Haus floss. Nur an der Straße entlang, durch den kleinen Wald, über diesen kleinen, sandigen Weg und unter der Brücke durch.
Und so stand ich davor und stellte mir eine der möglichen Fragen: „Was soll daran so gefährlich sein?“ Eigentlich ist unwahrscheinlich, dass ich mir diese Frage stellte. Wahrscheinlich grinste ich einfach nur und dachte so etwas wie, dass ich nicht erwischt wurde. Und dann rutschten meine Gedanken so wie meine Füße vom Ufer ab.

Vollkommen nass stand ich wenig später wieder an derselben Stelle und sah auf das kleine Rinnsal. Mein Kopf war leer. Bis auf ein „Aha“ vielleicht, dass sich auf meine eben an mich selbst gerichtet Frage bezog, und ein klitzekleiner Gedanke daran, wie lange ich in der untergehenden Sonne stehen musste, um wieder trocken zu sein.

Wenig später suhlte ich mich im Sandkasten. Ich kam mir klug vor. Der Sand würde das Wasser aufsaugen – und, wenn er selbst trocken war, einfach von mir abbröseln.

Nachdem meine Mama mich zum Essen gerufen hatte, stand ich im Flur und verstand nicht, warum ich aufgeflogen war. Ich sah etwas in den Augen meiner Mama, dass ich nicht sofort einordnen konnte. War sie wütend auf mich? Es dauerte einen Moment, bis ich verstand, dass es Sorge war, was ich in ihren Augen gesehen hatte.
Es dauerte einige Momente mehr, bis wir beide wieder lachten.

Jahre später hing ich meinen Gedanken nach und nur aus dem Augenwinkel sah ich diesen Schatten. Zu groß für einen Vogel, zu dicht vor meinen Füssen. Das Geräusch, als der Schatten den Boden traf, war nicht der eines Vogels. Zu dumpf, die Stimme nur ein Ausatmen.

Da lag dieses Mädchen vor mir. Das andere Mädchen kletterte langsam, vorsichtig von der Mauer herunter und stellte dieselbe Frage, die ich eben auch gestellt hatte.
- Alles o.k., bist du verletzt?
Sie antwortete genervt.
- Ja, verdammt noch mal.
- Wirklich alles o.k., brauchst du einen Arzt?
Sie lehnte sich an die Mauer. Kein Nicken, kein Kopfschütteln. Sie starrte vor sich hin und da war etwas in ihren Augen, etwas, dass ich nicht einordnen konnte.
Schmerz? Nein.
Es war ein verzerrtes Spiegelbild, wie eine Erinnerung an etwas, das noch geschehen musste. Da war Angst in ihrem Gesicht. Eine Angst, die den momentanen Schmerz relativierte. Und ihre Stimme war nur ein Rinnsal, in denen Worte wie ein reißender Strom schwammen.
- Sag bitte nichts meinen Eltern.

Am Abend saß ich am Bett meines Sohnes, lauschte seinem Atem und dachte darüber nach, welchen Weg er gehen würde. Welchen ich. Wo wir uns treffen würden. Wo trennen. Wo wiederfinden.

verschiedenes XVII

a) neugierig I

Ich habe bei verschiedenen Gelegenheiten Mitarbeiter aus Werbeagenturen kennengelernt. Durchaus auch welche, die ins große, tiefe Portemonnaie für Marketing greifen konnten. Wir haben viel über Symbolik und auch Psychologie gesprochen.
Aber eigentlich finde ich die kleinen Dinge spannender.

Wenn hier also mal jemand vorbeiliest, der sich Schilder ausdenkt wie:
Hier unrichtig eingeworfene Zustellungen einwerfen.
oder Wortkreationen wie:
Schlemmer-Stulle
einfach mal melden, ich bin zu neugierig.

b) neugierig II

Es gab schon Fahrten, auf denen ich eingeschlafen bin und mindestens eine Station zu spät wieder aufgewacht. Und genauso gab es Fahrten, bei denen ich zu früh aussteigen musste. Wenn ich mich schlafend stellte oder Kopfhörer auf den Ohren, aber den mp3-Player ausgeschaltet hatte und den Gesprächen im Abteil lauschte.
Und dann gab es diesen einen Tag, wo ich fast meine Station verschlafen hätte und diesen einen Moment gern noch länger geblieben wäre. Alles wegen diesem einen Satz, den ich auf dem Weg zur Tür hörte und den eine Frau zu dem Mann gegenüber sagte.

- Wir hätten doch die Barhocker aus dem Bordell mitnehmen sollen.

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