you might say III

Träumst du manchmal?

Träumst du von der Nacht, in der du dir alles von oben anschauen kannst? Und vielleicht den Plan erkennst? Träumst du von dem Tag, an dem ein einziges Mal alle zu dir aufsehen? Vielleicht dich auch nur das erste Mal ansehen? Von dem Tag, an dem auch andere dich erkennen?

Träumst du von der Liebe, die hinter dir liegt? Zu deinen Füßen? In deinen Armen?

Träumst du von dem Moment, in dem sich der Schmerz, die Angst, jeder kleinste Zweifel in Freundlichkeit, Wohlwollen, Zufriedenheit, Gleichmut auflöst?

Träumst du von so vielen Dingen, Augenblicken, Wahrheiten, die nicht in Worte passen, nicht beschrieben, gemalt, verraten werden können?

Und, wenn du und ich und vielleicht alle anderen diese Träume hätten und viele andere mehr, die das hier und jetzt zu überall und immer verändern könnten…

verschiedenes VII

I.) nur das und nichts weiter

Aus dem Zug gerade ausgestiegen, noch etwas schläfrig. Auch, weil eine Schaffnerin uns allen erklären musste, wie müde wir alle im Abteil aussehen würden - und zumindestens mich damit geweckt hatte.
Auf dem Bahnsteig ordne ich erst einmal meine Sachen und gehe dann in Richtung zu Haus. Im Vorbeigehen höre ich dieses Satz aus einem Gespräch:
- … ich rauche ja nur auf Bahnhöfen, nur außerhalb der Raucherzonen - irgendwie muss man ja gegen das System rebellieren…

II.) werbeblog

Vielleicht ist das hier nicht der richtige Ort.
Ich bin doch überrascht, wie sehr mich einfache Gestaltung, schlichte und gute Fotos ansprechen - im Vergleich zu viel, bunt und viel zu bunt.
Die Galore wurde einem Relaunch unterzogen. Die guten Gespräche finden darin weiterhin statt, aber ich komme mir vor, als säße ich während eines guten Gespräches im Bahnhofswartesaal neben den Goldene-7-Automaten. Vielleicht sag ich das auch noch an der richtigen Stelle.

III.) was werden

Ein anderes, belauschtes Gespräch im Vorbeigehen. Oder eher Stehen bleiben.
Als ich nach dem Zwieback fragen will, störe ich die beiden in Ihrer Unterhaltung.
- …unser eine will Kommissarin werden, da war ich ja bei dir total überrascht…
“Bei dir” trägt die Kleidung dieses Marktes, in dem ich grad bin. Und bei mir rattern die Gedanken. Vielleicht packt sie nur aus, um ihr Studium zu finanzieren. Vielleicht wird sie Verkäuferin. Vielleicht Filialleiterin. Und vielleicht hätte und hat sie für jede Möglichkeit einen Grund. Aber welchen Unterschied sollte das machen?
Die genauen Berufe meiner Großväter habe ich vergessen. Der eine war irgendein Meister für was mit Gas. Das hat für mich nie eine Bedeutung gehabt.
Beide waren immer für andere da, wollten helfen, unterstützen. Der eine ist bei der Hilfe für andere gestorben. Ein einzelnes nein hätte bedeutet, dass er heute vielleicht noch leben würde.
Beide waren immer für ihre Enkel da. Als ich einmal mit meinem Cousin auf dem Hof Messerwerfen übte und dabei ganz klar irgendwann das Fenster eines Schuppens traf, hofften wir auf das alte Prinzip. Wenn wir nichts sagen, ist auch nichts passiert.
Das nächste Mal war das Fenster auf magische Weise wieder repariert. Kein einziges Wort von meinem Opa.
Erst mein Vater sagte irgendwann, ich solle mich bei dem Zauberer dieser Magie mal bedanken. Dieser Zauberer hat irgendwas bei der Getreidewirtschaft gearbeitet. Und über diese Geschichte lachen wir beide heute noch.

e.o.f.

Noch im Traum höre ich den Namen eines Bahnhofs, der mir bekannt vorkommen sollte. Wenn ich richtig wach wäre. Ich sortiere die Stimmen, die einen im Kopf, die anderen im Abteil.
- …so einfach kann das nicht sein.
Meine Augen sind noch nicht ganz offen, die Stimmen noch nicht endgültig geordnet.
- …du kannst nicht einfach so gehen - nach all den Jahren.
Durch den Schlitz meiner Augenlider sehe ich ein Mädchen und einen Jungen auf der Bank gegenüber. Die Körper sind zueinander gedreht, beide zurückgelehnt, die Arme verschränkt.
Meine Augen fallen wieder zu. Die Stimmen passen nicht zu meinem sich davonschleichenden Traum. War da nicht Sonne und Meer? Und hier? Kalt? Regen? Blaue Filter vor der Kamera? Weitwinkel, um beide Hauptdarsteller zu sehen?
Meine Augen öffnen sich wieder ein bisschen.
-… wir können doch auch weiterhin…
- Das ist nicht das selbe.
Ich ordne langsam die Stimmen ein - und auch die Szene, die ich sehe. Reden sie gleich von Freundschaft, von verpassten Chancen, von Zukunft, die sich auch irgendwann wieder ändern kann in das, was einmal war? Und dann? Dann sprechen sie weiter.
- Du kannst nicht einfach ein Solo-Album aufnehmen, da ist Unverständnis in der Stimme, wenigstens hättest du was sagen können.
- Ja, dass ihr das übers Management erfahren habt, war Scheiße!?!
Alles anders. Alles anders, als ich dachte, würde dann wohl der nächste Song heißen. Nur schreiben muss ihn noch jemand.

Stempelkissen

Er stand vor dem Hauseingang. Scheitel. Bomberjacke. Mit Chlor gebleichte Jeans, hochgekrempelt. Springerstiefel. Aus der Entfernung machte ich mir meine Gedanken. Ob er mir meine Gedanken ansehen kann. Ich neige ja manchmal dazu, dass mein kein Hellseher sein muss.
Erst aus der Nähe sah ich die Farbe seiner Schnürsenkel.
- Auf Details achten, du musste mehr auf Details achten, hatte auch schon meine Kunstlehrerin in der sechsten Klasse zu mir gesagt.
Aber so einfach ist das alles nicht mehr. Selbst die Details lassen nicht immer einen kurzen Schluss zu.
Ein Freund von mir hat mir erst neulich erklärt, welche Farben von diesen Gummiarmbändern was bedeuten. Also solo, für alles offen, Doggystyle und andere Vorlieben.
Danach seufzte er so komisch. Ich guckte daraufhin genauso.
- Is alles nicht mehr so einfach, sagte er darauf, seit der Zeit all dieser David Beckhams tragen die Jungs diese Dinger nur aus Styling-Gründen.
Er machte eine Pause und grinste dann.
- Da kriegst du manchmal komische Blicke serviert, wenn du einen von denen anbaggerst.
Wir lachten beide.

Später am Abend erzählte ich ihm, dass in dem Land, in dem ich groß geworden aufgewachsen bin manches einfacher zu erkennen war. So mussten die Antennen in eine bestimmte Richtung weisen, um die beiden erlaubten Sender zu empfangen - und eben keinesfalls andere.
Bei meinem Opa kamen dann ab und zu mal Leute vorbei, die ihm nachdrücklich den Rat gaben, welche Richtung das war.
Vielleicht war da einiges einfach zu erkennen.

Einfacher muss es deswegen auch nicht gewesen sein.

verschiedenes VI

1. Sie & Er

Im Hintergrund läuft leise eines der Lieder, die leise im Hintergrund laufen. Sanft bewegen sie sich dazu.
- Das kenne ich, sagt sie.
- ..?…
- Scorpions
- Naja, fast, ist von den Eagles..
- Egal, die pieken doch auch..

2. Er & Sie

In der U-Bahn sitzen beide nebeneinander. Sie ist in ihre Zeitung vertieft, seine Lektüre liegt auf seinem Schoß. Trotzdem folgen seine Augen den Linien und Wogen von Worten.
Als sie endlich mit einem Teil ihrer Zeitung fertig ist, sieht sie ihn an, reicht den Teil in seine Richtung, nickt und lächelt.
Er läuft etwas rot an und senkt den Blick auf seine Zeitung. Ihre Augen folgen seinem Blick und lassen sein Gesicht noch mehr erröten. Während sie immer noch lächelnd und er sich-ertappt-fühlend auf seine Zeitung sieht, auf die Seite mit der nackten Frau des Tages.

3. Sie & Sie und irgendwie alle anderen er’s

- Wie ist das so, zu wissen, dass alle Männer einen wollen?!
- Wieso? Sind doch bloß Männer!

aus mEine schöne Bescherung

4. …

Gewißheit konnte nur einer haben, der selbst von großer Dauer war, wie die Sterne, die Berge oder das Meer. Und die hatten wiederum keine Worte, um auszusagen, was sie aus langem Bestand wußten. In diesem Punkt gab es mehr Freiheit, als man sich wünschen konnte. Das Richtige konnte man schon tun, aber es war immer möglich, dass alle anderen es für das Falsche hielten. Sie konnten sogar recht haben.

aus Die Entdeckung der Langsamkeit von Stan Nadolny

romanTisch

Händchenhalten in Nahaufnahme. Oder Kinder, Babys vielmehr auf Unterarmen. Und auch alte Menschen mit Weissbroten auf Bänken, die Vögel füttern.
Finde ich romantisch. Dieser vergessene Blick, während die Hand immer wieder aufs neue in die Tüte greift und Brotkrumen weiter in die hinteren Reihen wirft, so dass die vermeintlich schwachen auch mal was abbekommen. Die Welt im kleinen wieder heil ist.

So kriege ich ein schimmerndes Lächeln, als ich den älteren Herren mit diesen beiden Riesentüten auf den Steg zugehen sehe. Als wolle er den Vormittag am See verbringen, Vögel füttern, wissen, dass ihm diese dankbar sind.
Mein Lächeln ist fast beleidigt, als er die beiden Tüten gleichzeitig über die Umfassung des Steges hebt und sie gleichzeitig in den wilden Haufen von Enten, Haubentauchern und Schwänen kippt.

Er sieht wohl meinen Blick.
- Die fressen ja alles, sagt meine Frau immer, und: was man da an Müllgebühren sparen kann.
- Aber mein Weltbild lasse ich mir nicht davon kaputt machen, sage ich etwas trotzig.
Und er denkt wohl etwas ähnliches.
- Die Jugend von heute…

Was solls

Es gibt diese Tage. Wirklich. Ich habe es erlebt.

Dabei fing der Tag etwas ungemütlich an. Regen, nass und feucht, so dass dir die Kälte in die Knochen kriecht. Den Kragen hochgeschlagen und ab zum Bahnhof. Die Straßen waren dunkel und bis dahin hätte ich auch nicht dran geglaubt.
Aber auf dem Bahnsteig ein schüchternes Lächeln. Ich dreh mich noch um und sah über meine Schulter. Doch da stand niemand, der gemeint sein könnte. Dieses Lächeln galt mir.
In der Bahn folgte das nächste Lächeln. Und auch das übernächste sollte nicht das letzte gewesen sein.
- Vielleicht wurde was ins Trinkwasser gekippt?
, dachte ich mir noch und, macht der Grund für alle freundlich gestimmten Mundwinkel an diesem Morgen einen Unterschied?
Als ich mir meinen Kaffee holte: freundliche Gesichter. Und das ist nicht immer üblich, an einem Morgen, im November, in Berlin.

Mittags bin ich das erste Mal an diesem Tag aufs Klo. Der Typ im Spiegel sah mich mit einem überraschten und einem plötzlich wissenden Auge an.
Der Typ im Spiegel hatte noch die Schatten von zwei Creme-Strichen auf den Wangen. Aufgetragen und nicht verschmiert. Kriegsbemalung im zarte-Mischhaut-Stil.
Und, als ob das nicht reichen würde, noch einen dicken Rest Schokoaufstrich im Mundwinkel.
Der Typ im Spiegel guckt komisch zurück.

Und dann lacht er doch noch.

jedes mal

Es ist so einfach, so selbstverständlich, dass ich es nicht verstehe.

Fast wie ans Meer zu fahren. Wenn du mehr und mehr das Salz in der Luft erst riechen und dann auch schmecken kannst. Der Wind ist feuchter und jedes Mal anders. Und dann, wenn du auch die Wellen hörst, und vielmehr: wenn du sie auch siehst, dann gibt es diesen einen Moment, in dem es einfach geschieht. Gedanken wie Meer, Blick so weit, du so klein, dass du dich unendlich fühlen könntest, und irgendwann fließt einfach alles.

Heute Morgen war das so ähnlich. Die Luft so klar, die Straßen leer.

Der erste Schnee des Jahres.

verschiedenes V

I.
Wie es so inner Männer-WG laufen könnte, kann ich mir schon vorstellen.
So was in der Art, dass einer am Laptop sitzt, die anderen beiden gucken abwartend.
- Mach mal nachher nicht aus; ich muss auch noch was gucken.
- Du hast doch n Laptop dabei?!
- Mag ich jetzt nicht holen.
- Ich hätt auch noch einen anderen da, und n Kabel….
- Dann schließen wir doch alle drei an…. und chatten etwas.

II.
Wäre irgendetwas daran, wenn der Nikolaus einfach nur einen Fetisch für geputzte Stiefel hätte?

III.
Er guckt über die Ränder seiner Brille auf die Gläser einer anderen Sehhilfe.
- Schon mal über Lasern nachgedacht?
Ein abfälliges Ausatmen folgt. Ein langer Vortrag über innere Werte, die Profitsucht von Großkonzernen, die Schönheitsideale und, dass man selbst bei Konzerten immer gut vorne mitmischen kann - Brille hin oder her.
- Mh, Lasern geht, glaube ich, auch nur bis drei Dioptrien…
- Ja, ich weiss, grummelt der andere vor sich hin.

IV.
Dialoge, bei denen mindestens Bilder entstehen.
- .. sie war eh immer so,… es folgt ein Geräsch wie pft
- Na, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie damit so locker umgegangen wäre, nach dem Sex…
- ?
- …als du, gleich nachdem du draußen warst, Spiegel gelesen hast.

V.
Der Werbeblog.
Ein Album, das ich zur Zeit häufig höre: Eddie Vedder *into the wild*.
Die Filmkritik dazu demnächst auf al-x.org

.frei

Ich könnte ihr ja was von eisernem Willen erzählen, von Stärke, Durchhalten und so. Aber wenn es doch einfach nur geschehen ist? Wie ein Plopp.
Wie sie mich so ansieht, kommt mir wieder das Bild vor Augen, als mich meine Mama mit einem ähnlichem Lächeln ansah. Abwartend, schätzend.
- Ich habe geträumt, dass du rauchst, sagte sie zu mir.
Später ist mein Vater in mein Zimmer gekommen. Er stand eine Weile am Fenster und sah hinaus. Irgendwann dreht er sich um und ging einfach wieder. Damals hat er noch selbst geraucht.

Was soll ich ihr nun sagen, wenn sie mich fragt, wie ich aufgehört habe?
Ich war auf dem Weg zur S-Bahn, wie so oft viel zu spät. Ich musste rennen, um die Bahn noch zu erwischen. Und trotzdem musste ich, ich musste eine Zigarette anzünden. Wie bescheuert muss man sein?, fragte ich mich. Das war meine letzte Zigarette. Seit ein paar Jahren.

Aber selbst das wäre nur die halbe Wahrheit. Auch, wenn sie die andere Hälfte nicht weiter bringen wird. Davor habe ich immer einfach so aufgehört. Zigarette aus und Ende.

Und somit bleibt es wohl bei beiden Wahrheiten und einem Satz, den Mark Twain mal gesagt haben soll.

Mit dem Rauchen aufzuhören ist kinderleicht. Ich habe es schon hundertmal geschafft.

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