Stempelkissen

Er stand vor dem Hauseingang. Scheitel. Bomberjacke. Mit Chlor gebleichte Jeans, hochgekrempelt. Springerstiefel. Aus der Entfernung machte ich mir meine Gedanken. Ob er mir meine Gedanken ansehen kann. Ich neige ja manchmal dazu, dass mein kein Hellseher sein muss.
Erst aus der Nähe sah ich die Farbe seiner Schnürsenkel.
- Auf Details achten, du musste mehr auf Details achten, hatte auch schon meine Kunstlehrerin in der sechsten Klasse zu mir gesagt.
Aber so einfach ist das alles nicht mehr. Selbst die Details lassen nicht immer einen kurzen Schluss zu.
Ein Freund von mir hat mir erst neulich erklärt, welche Farben von diesen Gummiarmbändern was bedeuten. Also solo, für alles offen, Doggystyle und andere Vorlieben.
Danach seufzte er so komisch. Ich guckte daraufhin genauso.
- Is alles nicht mehr so einfach, sagte er darauf, seit der Zeit all dieser David Beckhams tragen die Jungs diese Dinger nur aus Styling-Gründen.
Er machte eine Pause und grinste dann.
- Da kriegst du manchmal komische Blicke serviert, wenn du einen von denen anbaggerst.
Wir lachten beide.

Später am Abend erzählte ich ihm, dass in dem Land, in dem ich groß geworden aufgewachsen bin manches einfacher zu erkennen war. So mussten die Antennen in eine bestimmte Richtung weisen, um die beiden erlaubten Sender zu empfangen - und eben keinesfalls andere.
Bei meinem Opa kamen dann ab und zu mal Leute vorbei, die ihm nachdrücklich den Rat gaben, welche Richtung das war.
Vielleicht war da einiges einfach zu erkennen.

Einfacher muss es deswegen auch nicht gewesen sein.

verschiedenes VI

1. Sie & Er

Im Hintergrund läuft leise eines der Lieder, die leise im Hintergrund laufen. Sanft bewegen sie sich dazu.
- Das kenne ich, sagt sie.
- ..?…
- Scorpions
- Naja, fast, ist von den Eagles..
- Egal, die pieken doch auch..

2. Er & Sie

In der U-Bahn sitzen beide nebeneinander. Sie ist in ihre Zeitung vertieft, seine Lektüre liegt auf seinem Schoß. Trotzdem folgen seine Augen den Linien und Wogen von Worten.
Als sie endlich mit einem Teil ihrer Zeitung fertig ist, sieht sie ihn an, reicht den Teil in seine Richtung, nickt und lächelt.
Er läuft etwas rot an und senkt den Blick auf seine Zeitung. Ihre Augen folgen seinem Blick und lassen sein Gesicht noch mehr erröten. Während sie immer noch lächelnd und er sich-ertappt-fühlend auf seine Zeitung sieht, auf die Seite mit der nackten Frau des Tages.

3. Sie & Sie und irgendwie alle anderen er’s

- Wie ist das so, zu wissen, dass alle Männer einen wollen?!
- Wieso? Sind doch bloß Männer!

aus mEine schöne Bescherung

4. …

Gewißheit konnte nur einer haben, der selbst von großer Dauer war, wie die Sterne, die Berge oder das Meer. Und die hatten wiederum keine Worte, um auszusagen, was sie aus langem Bestand wußten. In diesem Punkt gab es mehr Freiheit, als man sich wünschen konnte. Das Richtige konnte man schon tun, aber es war immer möglich, dass alle anderen es für das Falsche hielten. Sie konnten sogar recht haben.

aus Die Entdeckung der Langsamkeit von Stan Nadolny

fairbrecher

I. Ich hatte die Gelegenheit eine Zeit in so etwas wie einem Ferienheim für ältere Menschen zu verbringen. Ferienheim passt nicht wirklich und vielleicht auch besser als andere Vergleiche.
So vieles war fast wie früher. Entweder war das Essen himmlich oder pures Magenverkleben. Die Betreuer waren aufmerksam, gingen auf einen ein oder machten nur ihren Job. Und ohne Schwimmerlaubnis der Eltern, naja, konntest du den ganzen Tag nichts, als lesen und Fernsehschauen. Und, wenn man liest, nicht zum Entspannen, sondern um Zeit zu vertreiben, immer wieder zwischen Zeitung und Buch wechselt - und schließlich zum Fernseher übergeht, der einen recht schnell wieder in die Arme von Büchern und Zeitungen treibt, dann ist das Essen unabhängig ob Souffle vom grünen Tee oder Kleister mit undefinierbarer Farbe der Höhepunkt des Tages. Wie hält man es da länger aus? Oder ist das Prinzip? Oder stelle ich da falsche Ansprüche?
Beim letzten Besuch meines Opas antwortete er auf die Frage wie es ihm geht mit einem breiten Grinsen:
- Es regnet nicht durch und das Essen wird gebracht.

II. Es ist manchmal seltsam, welche Menschen einem das Leben recht zufällig und dann für immer in die Erinnerung spült. Damals ging mir dieses Mädchen unter die Haut. Wie lange ist das her? Elf Jahre? Elf Jahre… .
Sie hatte gerade ihren Liebling verloren. Die Tränen war noch nicht getrocknet, nur angefroren.

Und dieses Mal. Ein Typ wie ein Bär. Getauft, in die Partei eingetreten und deswegen wenig später aus der Kirche austreten müssen, Frau kennengelernt, in dreizig Jahren nie gestritten. Und vieles mehr, was hier nicht hergehört. Ein jegliches hat seine Zeit. Alles, einfach alles hat seine Zeit. Wie viele Leben passen in die kurze Zeit, die wir haben?

ähnliche Leiden

Ich habe mir das ja immer so vorgestellt, mit der Homöopathie: ich nehm’ etwas Benzin, rühre davon ein paar Tropfen unter Wasser, schüttle das Richtung Erdmittelpunkt, wiederhole das ein paar Mal und mein Auto fährt schneller als jemals zuvor.
Da ich schon mal aus Versehen Diesel in meinen Benziner gekippt habe, konnte ich mir das ganz so einfach nicht vorstellen.

Und wie’s der Zufall will, lud meine Apotheke zu einem Vortragsabend über Homöopathie ein. Grad nichts vorhaben, Skepsis im Gepäck und ein kleinen Fußmarsch später sitze ich in einem Seminarraum mit Blick auf die Spree, vier weiteren Männern und empfundenen 102,8% Frauenanteil.

Die Männer schätzen sich gegenseitig ein und einige schalten auch recht schnell nach beginnendem Vortag ab. Das erste kurze Aufhorchen erfolgt aufgrund des Wortes Potenzen im Vortrag. Aber das verklingt im Raume, die Spree schiebt gemütlich ihr Wasser das Flussbett hinunter und bald ist wieder Sportschau.

Und dann kommt doch noch einer der drei Gründe für männliche Aufmerksamkeit. Als nämlich der Vortragende etwas über die Neben-, Zweit- und Wechselwirkungen von homöopathischen Mitteln referiert. So berichtet er von einer Patientin, die ohne Rat ihres Therapeuten ein homöopathisches Mittel gegen ihren Schnupfen nahm. Tja, und eben dieses Mittel führte aufgrund der hohen Potenz nicht nur dazu, dass die Frau ihren Schnupfen kurierte, sondern auch, nun sagen wir: überhöhte Lust auf körperliche Vereinigung bekam.

Ich habe keine Ahnung, was bei den anderen Männern hängengeblieben ist, oder ob. Aber ich glaube, dass sie bereit waren, es einfach mal zu probieren.

Läutet alle Glocken

An alle, die hier ab und zu vorbeischauen. An alle, die uns kennen. Und an alle, die sich mit uns freuen. Das sehnsüchtige Warten ist der Sprachlosigkeit gewichen.

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

[1. Korinther 13,13]

dsc00418_small.jpg

Creme de la creme

Es wird schon so sein, dass einige länger brauchen, als andere. Um sich abzunabeln von Mama und Papa. Irgendwo zwischen kurz nach dem dritten Mal sitzen bleiben und dem dreiundzwangzigstem Semester Parapsychologischer Kulturprophylaxe. Der eine lernt dann recht schnell kochen und der andere subsumiert unter Kochbuch immer noch den Falter vom Pizzabringedienst.

Was ich mich halt nur frage: Wie alt mag der Typ, der mir in der Bahn gegenübersitzt sein? Ende dreißig, Anfang vierzig? Und: ob ihm seine Mama die beiden Punkte Creme auf die Wangen aufgetragen hat?

Ich schieb dich quer durch die Halle

Die Stiftung Konzerttest empfiehlt den folgenden Artikel:
Simpsons, The “Drink Duff” [Farbe: navy] (T-Shirt)
Der Artikel zeichnet sich besonders durch die hohe Resorptionsfähigkeit körpereigener Kühlflüssigkeit, bei gleichzeitig starker Toleranz gegenüber Anforderung an Flexibilität und Formstabilität aus.

Kunden, die sich für dieses Produkt interessierten, sahen sich auch folgende Angebote an:
Beatsteaks
Kontaktlinsen
Sauerstoffarme Luft
Hamburg

was? ich?

In der monatlichen Statistik tauchte dieses Mal eine Suchanfrage auf, die ich mir unmöglich selbst zurechnen wollte. Dazu sollte ich etwas geschrieben haben? In diesem Blog? Ich? Hier? Nicht, dass ich mich über die Tatsache an sich beschweren würde. Frauen haben ja auch einfach den schöneren Körper.
Aber, wenn ich sowas wie eine Antwort hätte: Warum habe ich noch kein Psychoselbsthilfeallesheilbuch geschrieben und damit Milliarden verdient?
Vielleicht, weil ich selbst keine wirkliche Antwort auf die Frage wüsste. Keine Antwort auf diese Frage aus der Suche. Die Frage: Warum schlafen Frauen mit Männern?

Aber einen Versuch gäbe es dann doch. Zwar zwei Jahre her. Aber immerhin.

vom trägen in die raufe

Da geh ich dem Bill mal von Zeit zu Zeit verloren, ohne ins Tokyo Hotel einzuchecken, vielmehr nur um die Fenster zu schließen, und dann?

Dann erzählt mit Tux was von Abhängigkeitsbäumchen.

doch dann ist es

Beim Zähneputzen das weisse Glitzern von draußen in den Augen, im Kopf, in den Gedanken.
- Heute zum Weihnachtsmarkt, denke ich bei mir.

« Previous PageNext Page »