Stempelkissen
Er stand vor dem Hauseingang. Scheitel. Bomberjacke. Mit Chlor gebleichte Jeans, hochgekrempelt. Springerstiefel. Aus der Entfernung machte ich mir meine Gedanken. Ob er mir meine Gedanken ansehen kann. Ich neige ja manchmal dazu, dass mein kein Hellseher sein muss.
Erst aus der Nähe sah ich die Farbe seiner Schnürsenkel.
- Auf Details achten, du musste mehr auf Details achten, hatte auch schon meine Kunstlehrerin in der sechsten Klasse zu mir gesagt.
Aber so einfach ist das alles nicht mehr. Selbst die Details lassen nicht immer einen kurzen Schluss zu.
Ein Freund von mir hat mir erst neulich erklärt, welche Farben von diesen Gummiarmbändern was bedeuten. Also solo, für alles offen, Doggystyle und andere Vorlieben.
Danach seufzte er so komisch. Ich guckte daraufhin genauso.
- Is alles nicht mehr so einfach, sagte er darauf, seit der Zeit all dieser David Beckhams tragen die Jungs diese Dinger nur aus Styling-Gründen.
Er machte eine Pause und grinste dann.
- Da kriegst du manchmal komische Blicke serviert, wenn du einen von denen anbaggerst.
Wir lachten beide.
Später am Abend erzählte ich ihm, dass in dem Land, in dem ich groß geworden aufgewachsen bin manches einfacher zu erkennen war. So mussten die Antennen in eine bestimmte Richtung weisen, um die beiden erlaubten Sender zu empfangen - und eben keinesfalls andere.
Bei meinem Opa kamen dann ab und zu mal Leute vorbei, die ihm nachdrücklich den Rat gaben, welche Richtung das war.
Vielleicht war da einiges einfach zu erkennen.
Einfacher muss es deswegen auch nicht gewesen sein.

Comments(9)