Und heute sehen sie

Aus dem einen oder anderen Grund hatten wir keinen Videorecorder. An DVDs war noch nicht zu denken. Und wesentlich mehr als fünf Fernsehprogramme können auch nicht auf Sendung gewesen sein.
Wir haben uns Tage im Voraus auf Filme gefreut. Wenn die vier Jungs in ihre Strumpfhosen sprangen und die Königin vor dem bösen Kardinal retteten. Old Shatterhand den Bärentöter rausholte. Oder Winnetou zu Ave Maria seinen Glauben bekannte. Oder wir “vorschliefen”, um den Spätfilm zu sehen.
Und wir sind extra aus dem Urlaub nach Hause gefahren, um einen Film zu sehen. Und nach dem Film wieder zurück in den Urlaub am See ohne Fernseher.
In meiner Erinnerung haben diese Fernsehmomente einen Hauch von Magie. Die Helden waren besser, stärker, größer. Obwohl die heutige Sicht auf diese Helden eine andere sein mag. Doch: zum Glück kann niemand diese Vergangenheit verändern. Nicht durch DVD-Boxen mit Kommentaren. Durch keine Fortsetzung eines Remakes. Nicht durch erste, zweite und dritte Wiederholungen bis in die Schwester- und Urenkelsender des Erstausstrahlers.

Aber vielleicht kommt es mir nur so vor, als würde das jederzeitige Vorhandensein eines Filmes, die Abrufbarkeit zu jeder Zeit, an jedem Tag diesen auch beliebig machen. Und vielleicht wird es sie trotzdem geben: das Staunen, die Vorfreude. Wenn auch in den Augen von jemand anders.

(Die Bewertung zum heute gesehenen Film mit Mailändischen Untertitel demnächst auf al-x.org)

4imr

Ich konnte dieses Fragezeichen in meinem Hinterkopf nicht einordnen. Gefühl? Erinnerung? Deja vu?

Mein Blick glitt durch den Raum, an den Wänden entlang, über den Fussboden, mit klammen Blick zum Fenster mit Blick übers Wasser, hinaus. Dort verweilte er im Nirgendwo.

Und während meine Augen blind waren, stumm wurden, kamen die Bilder.

Der Geruch von Feueranzünder, von feuchten Räumen, von alten Möbeln, von knisternt brennendem Holz, von warmen Herzen. Das Aroma vergangener Zeiten. In denen in der Küche Holzbacköfen standen, Plinsen gebacken wurden und das Feuerholz jeden Tag selbst geschlagen wurde. Eine Zeit in einem Haus, dass es für mich nicht mehr gibt. Nicht mehr geben wird.

Alles ist für immer. Nichts hat Bestand.

I hope I’m old before I die

Wenn ich die wichtigen Bands zähle, die mich mein Leben lang begleiten, also seit ich mit 13, 14 bewusst Musik höre, muss ich den Satz gleich umschreiben. Die wichtigen Bands, die mich begleitet haben, haben sich aufgelöst, bevor ich dreizig wurde.
Vielleicht wurde es deswegen irgendwie normal, dass Rock-Opas ein Schimpfwort wurde. Wie sollte Alter und all das andere zusammengehen: Mosh-Pits, Marshall-Wände, die großen Rockgesten und all die anderen kleinen und vor allem: lauten Dinge?

Und jetzt… Nachdem dieser alter Mann auf der Bühne mit der Gitarre in der Hand in einen Spagat gesprungen ist, die ganze Zeit des Konzerts immer wieder und wieder und wieder die erste Reihe abgeklatscht hat, am Bühnenrand saß und das Konzert drei Stunden dauerte, ohne Vorband, ohne Pause und dabei gewirkt hat, als freue er sich wie damals, als er das erste Mal die Schulaula gefüllt hat…

Vielleicht gibt es sowas wie Rockopas. Vielleicht haben sich die Gründe etwas verschoben, warum sie alle Jahre wieder auf Tour gehen, aber der Hauptgrund ist vielleicht auch nach all den Jahren immer noch der selbe.

FSK

Es gibt Dinge, die man nicht vergisst. Die einem aber manchmal aus dem Bewusstsein rutschen. Und einem dann unter dem seltsamsten Umständen wieder gewahr werden.

Als ich neulich den Kinderstuhl zusammensetzte, las ich da “von 0 bis 99 Jahre“.

Und da bekam ich eine kurze Vorstellung von Zeit. Eine Idee, wieviel Augen in diesem Zeitraum sehen. Wie oft Hunger und auch Freudenkribbeln in der Magengegend waren. Wie kräftig Hände sein müssen, um all diese Jahre zu arbeiten und zu streicheln, wie stark Arme und Schultern, um die Lasten zu tragen, die Kreuze und die Enkelkinder. Wie weit Füße gehen. Die alten Wege oder neuen, auf der Flucht. Wieviel durchwachte Nächte in diese Zeit passen. Wieviele Tage, Minuten, Sekunden, die wieder zu Wochen werden. Zu Monaten. Zu Jahren.

Zu 99 Jahren.

Du weisst, dass ich dir alles Gute zu deinem 99. Geburtstag wünsche. Und dann gibt es die Dinge, die ich nicht mehr ausspreche.

verschiedenes IX

a) Boris, nicht Babs

Vielleicht sah ich zu nachdenklich immer wieder von links nach rechts und wieder zurück. Oder er hatte einfach Zeit, so kurz vor dem Feierabend. Jedenfalls erklärte er mir meine Frage, die ich bis dahin nur in meinen Gedanken gestellt hatte.
- Ich hab ja versucht, jeden Trend mitzumachen. Vegan, koscher, mit viel dunkler, richtiger Schokolade, mit Pfeffer, Chili und jeder Menge anderer Gewürze in Kuchen und Torten.
Er schaut über sein Sortiment hinweg, wie um zu prüfen, ob davon nicht immer noch etwas im Angebot ist.
- Hab wirklich alle Trends mitgemacht - und bin fast pleite gegangen.
Er sieht kurz auf, sieht den Leuten hinterher, die draußen vorbei gehen.
- Und nun habe ich einfach mich nach meinen drei Kundengruppen ausgerichtet: denen, die glauben, sie müssten sparen, denen, die sparen müssen und denen, die aus dem einen oder anderen Grund nicht zu den beiden Gruppen gehören oder gehören wollen.
Ich sehe auf den Kuchen meiner Wahl und er folgt meinem Blick.
- …und bevor sie fragen, es ist beides der gleiche Kuchen. ‘S is völlig gleich, ob Sie den nehmen in der Auslage “frisch” oder aus der “vom Vortag”. Der Umsatz kommt nur über die Menge.

Als ich Zuhaus den Kuchen esse, rede ich mir ein, dass ich den Kuchen so oder so genommen hätte.

b) dialogo

- Früher habe ich ja immer gedacht, dass es verschiedene Gründe haben muss, warum Frauen und auch Männer Taschentücher unter dem Fernsehtisch haben…
- …?
- Is der selbe Grund: Es sind die Filme, die sie gucken.

c) stiftung konzerttest

Die Stiftung Konzerttest empfiehlt: Daniel Wirtz.

d) Groß A’Tuin

Berlin ist Meister. Mach et jut, Wellblechpalast.

frwHC

Ich kann mich erinnern. Ich kann es sogar nachempfinden, dass ich jahrelang nicht ohne dich auskam. Mir nichts und keine andere vorstellen konnte, als dich. Wenn es gegangen wäre, auf diesen Pfaden, die von göttlichem Licht beschienen sind, ich wäre alle Minuten, Sekunden der 24 Stunden, die uns jeden Tag aufs neue bleiben, bei und mit dir gewesen. Immer. Und immer. Wieder.

Ich kann mich erinnern. Ich kann es sogar nachempfinden, wie ich das erste Mal länger von dir getrennt war. Und wir uns auch schon recht schnell immer selterner sahen. Und der Boss im Radio von dir sang, als wir uns dann wieder trafen.

Ich kann mich erinnern. Ich kann das alles nachempfinden. Und trotzdem bist du mir fremd geworden. Wie Gefühle einem fremd werden, wenn sie zu Erinnerungen werden. Zu Bildern in schwarz-weiss. Zur Vergangenheit. Zum einem Schatten, einem Echo oder vielleicht auch nur etwas, das immer wieder geweckt werden muss.

Du bist immer noch meine Heimatstadt. Aber mein Zuhause habe ich heute woanders gefunden.

verschiedenes VIII

I. das leben von anderen

- …ich glaube ja, dass Sexsucht in der Ehe anders definiert werden muss…
Sein Gesprächspartner guckt fragend.
- …es gibt ja schließlich auch Quartalstrinker!
Und im Zugabteil gucken plötzlich recht viele aus dem Fenster. Und auch ich sehe darin mein eigenes Grinsen gespiegelt.

II. eben noch auf al-x.org

Bisher bin ich mir noch unschlüssig, ob ich mir the bucket list ansehe. Mal guckn.
Was ich jedoch im Zusammenhang mit den Film bemerkenswert fand, war, dass die Interviews mit Jack Nicholson, die ich in drei verschiedenen Zeitungen las, fast deckungsgleich waren. In Fragen und Antworten. Aber eben auch nur so nah an ganz knapp fast gleich vorbei, dass es nicht die selben waren.
Und vielleicht noch eine zweite Sache. Die stand aber nur in einem der Interviews. Die Idee von Mr. Nicholson, eine weltweite Initiative, eine Stimmabgabe durchzuführen. Zu der Frage: Wollt ihr je wieder Krieg?

III. demnächst auf al-x.org / werbeblog

Zurzeit höre ich gern wieder mal einen Soundtrack. Once. Gitarre, Männer-, Frauenstimme. Nicht viel mehr. Zum Lagerfeuer. Für die Wanne. Zum Rotwein. Für Melancholie.
Die Filmkritik vielleicht, na ihr wisst schon.

verschiedenes VII

I.) nur das und nichts weiter

Aus dem Zug gerade ausgestiegen, noch etwas schläfrig. Auch, weil eine Schaffnerin uns allen erklären musste, wie müde wir alle im Abteil aussehen würden - und zumindestens mich damit geweckt hatte.
Auf dem Bahnsteig ordne ich erst einmal meine Sachen und gehe dann in Richtung zu Haus. Im Vorbeigehen höre ich dieses Satz aus einem Gespräch:
- … ich rauche ja nur auf Bahnhöfen, nur außerhalb der Raucherzonen - irgendwie muss man ja gegen das System rebellieren…

II.) werbeblog

Vielleicht ist das hier nicht der richtige Ort.
Ich bin doch überrascht, wie sehr mich einfache Gestaltung, schlichte und gute Fotos ansprechen - im Vergleich zu viel, bunt und viel zu bunt.
Die Galore wurde einem Relaunch unterzogen. Die guten Gespräche finden darin weiterhin statt, aber ich komme mir vor, als säße ich während eines guten Gespräches im Bahnhofswartesaal neben den Goldene-7-Automaten. Vielleicht sag ich das auch noch an der richtigen Stelle.

III.) was werden

Ein anderes, belauschtes Gespräch im Vorbeigehen. Oder eher Stehen bleiben.
Als ich nach dem Zwieback fragen will, störe ich die beiden in Ihrer Unterhaltung.
- …unser eine will Kommissarin werden, da war ich ja bei dir total überrascht…
“Bei dir” trägt die Kleidung dieses Marktes, in dem ich grad bin. Und bei mir rattern die Gedanken. Vielleicht packt sie nur aus, um ihr Studium zu finanzieren. Vielleicht wird sie Verkäuferin. Vielleicht Filialleiterin. Und vielleicht hätte und hat sie für jede Möglichkeit einen Grund. Aber welchen Unterschied sollte das machen?
Die genauen Berufe meiner Großväter habe ich vergessen. Der eine war irgendein Meister für was mit Gas. Das hat für mich nie eine Bedeutung gehabt.
Beide waren immer für andere da, wollten helfen, unterstützen. Der eine ist bei der Hilfe für andere gestorben. Ein einzelnes nein hätte bedeutet, dass er heute vielleicht noch leben würde.
Beide waren immer für ihre Enkel da. Als ich einmal mit meinem Cousin auf dem Hof Messerwerfen übte und dabei ganz klar irgendwann das Fenster eines Schuppens traf, hofften wir auf das alte Prinzip. Wenn wir nichts sagen, ist auch nichts passiert.
Das nächste Mal war das Fenster auf magische Weise wieder repariert. Kein einziges Wort von meinem Opa.
Erst mein Vater sagte irgendwann, ich solle mich bei dem Zauberer dieser Magie mal bedanken. Dieser Zauberer hat irgendwas bei der Getreidewirtschaft gearbeitet. Und über diese Geschichte lachen wir beide heute noch.

Stempelkissen

Er stand vor dem Hauseingang. Scheitel. Bomberjacke. Mit Chlor gebleichte Jeans, hochgekrempelt. Springerstiefel. Aus der Entfernung machte ich mir meine Gedanken. Ob er mir meine Gedanken ansehen kann. Ich neige ja manchmal dazu, dass mein kein Hellseher sein muss.
Erst aus der Nähe sah ich die Farbe seiner Schnürsenkel.
- Auf Details achten, du musste mehr auf Details achten, hatte auch schon meine Kunstlehrerin in der sechsten Klasse zu mir gesagt.
Aber so einfach ist das alles nicht mehr. Selbst die Details lassen nicht immer einen kurzen Schluss zu.
Ein Freund von mir hat mir erst neulich erklärt, welche Farben von diesen Gummiarmbändern was bedeuten. Also solo, für alles offen, Doggystyle und andere Vorlieben.
Danach seufzte er so komisch. Ich guckte daraufhin genauso.
- Is alles nicht mehr so einfach, sagte er darauf, seit der Zeit all dieser David Beckhams tragen die Jungs diese Dinger nur aus Styling-Gründen.
Er machte eine Pause und grinste dann.
- Da kriegst du manchmal komische Blicke serviert, wenn du einen von denen anbaggerst.
Wir lachten beide.

Später am Abend erzählte ich ihm, dass in dem Land, in dem ich groß geworden aufgewachsen bin manches einfacher zu erkennen war. So mussten die Antennen in eine bestimmte Richtung weisen, um die beiden erlaubten Sender zu empfangen - und eben keinesfalls andere.
Bei meinem Opa kamen dann ab und zu mal Leute vorbei, die ihm nachdrücklich den Rat gaben, welche Richtung das war.
Vielleicht war da einiges einfach zu erkennen.

Einfacher muss es deswegen auch nicht gewesen sein.

verschiedenes VI

1. Sie & Er

Im Hintergrund läuft leise eines der Lieder, die leise im Hintergrund laufen. Sanft bewegen sie sich dazu.
- Das kenne ich, sagt sie.
- ..?…
- Scorpions
- Naja, fast, ist von den Eagles..
- Egal, die pieken doch auch..

2. Er & Sie

In der U-Bahn sitzen beide nebeneinander. Sie ist in ihre Zeitung vertieft, seine Lektüre liegt auf seinem Schoß. Trotzdem folgen seine Augen den Linien und Wogen von Worten.
Als sie endlich mit einem Teil ihrer Zeitung fertig ist, sieht sie ihn an, reicht den Teil in seine Richtung, nickt und lächelt.
Er läuft etwas rot an und senkt den Blick auf seine Zeitung. Ihre Augen folgen seinem Blick und lassen sein Gesicht noch mehr erröten. Während sie immer noch lächelnd und er sich-ertappt-fühlend auf seine Zeitung sieht, auf die Seite mit der nackten Frau des Tages.

3. Sie & Sie und irgendwie alle anderen er’s

- Wie ist das so, zu wissen, dass alle Männer einen wollen?!
- Wieso? Sind doch bloß Männer!

aus mEine schöne Bescherung

4. …

Gewißheit konnte nur einer haben, der selbst von großer Dauer war, wie die Sterne, die Berge oder das Meer. Und die hatten wiederum keine Worte, um auszusagen, was sie aus langem Bestand wußten. In diesem Punkt gab es mehr Freiheit, als man sich wünschen konnte. Das Richtige konnte man schon tun, aber es war immer möglich, dass alle anderen es für das Falsche hielten. Sie konnten sogar recht haben.

aus Die Entdeckung der Langsamkeit von Stan Nadolny

Next Page »