Bilder: schwarz-weiß
Das Verbotene hatte schon immer einen besonderen Reiz. Als Kind war es vielleicht weniger der Reiz der Gefahr, als die Frage „werd ich erwischt?“ oder „was soll daran schon gefährlich sein“.
So wie dieses kleine Rinnsal, das wenige hundert Meter von unserem Haus floss. Nur an der Straße entlang, durch den kleinen Wald, über diesen kleinen, sandigen Weg und unter der Brücke durch.
Und so stand ich davor und stellte mir eine der möglichen Fragen: „Was soll daran so gefährlich sein?“ Eigentlich ist unwahrscheinlich, dass ich mir diese Frage stellte. Wahrscheinlich grinste ich einfach nur und dachte so etwas wie, dass ich nicht erwischt wurde. Und dann rutschten meine Gedanken so wie meine Füße vom Ufer ab.
Vollkommen nass stand ich wenig später wieder an derselben Stelle und sah auf das kleine Rinnsal. Mein Kopf war leer. Bis auf ein „Aha“ vielleicht, dass sich auf meine eben an mich selbst gerichtet Frage bezog, und ein klitzekleiner Gedanke daran, wie lange ich in der untergehenden Sonne stehen musste, um wieder trocken zu sein.
Wenig später suhlte ich mich im Sandkasten. Ich kam mir klug vor. Der Sand würde das Wasser aufsaugen – und, wenn er selbst trocken war, einfach von mir abbröseln.
Nachdem meine Mama mich zum Essen gerufen hatte, stand ich im Flur und verstand nicht, warum ich aufgeflogen war. Ich sah etwas in den Augen meiner Mama, dass ich nicht sofort einordnen konnte. War sie wütend auf mich? Es dauerte einen Moment, bis ich verstand, dass es Sorge war, was ich in ihren Augen gesehen hatte.
Es dauerte einige Momente mehr, bis wir beide wieder lachten.
Jahre später hing ich meinen Gedanken nach und nur aus dem Augenwinkel sah ich diesen Schatten. Zu groß für einen Vogel, zu dicht vor meinen Füssen. Das Geräusch, als der Schatten den Boden traf, war nicht der eines Vogels. Zu dumpf, die Stimme nur ein Ausatmen.
Da lag dieses Mädchen vor mir. Das andere Mädchen kletterte langsam, vorsichtig von der Mauer herunter und stellte dieselbe Frage, die ich eben auch gestellt hatte.
- Alles o.k., bist du verletzt?
Sie antwortete genervt.
- Ja, verdammt noch mal.
- Wirklich alles o.k., brauchst du einen Arzt?
Sie lehnte sich an die Mauer. Kein Nicken, kein Kopfschütteln. Sie starrte vor sich hin und da war etwas in ihren Augen, etwas, dass ich nicht einordnen konnte.
Schmerz? Nein.
Es war ein verzerrtes Spiegelbild, wie eine Erinnerung an etwas, das noch geschehen musste. Da war Angst in ihrem Gesicht. Eine Angst, die den momentanen Schmerz relativierte. Und ihre Stimme war nur ein Rinnsal, in denen Worte wie ein reißender Strom schwammen.
- Sag bitte nichts meinen Eltern.
Am Abend saß ich am Bett meines Sohnes, lauschte seinem Atem und dachte darüber nach, welchen Weg er gehen würde. Welchen ich. Wo wir uns treffen würden. Wo trennen. Wo wiederfinden.