warten
Es heißt, dass niemand alleine gehen musste, dass man abgeholt werden würde. Zeit und Ort stehen fest. Wie auf dem Fahrplan jeder Haltestelle, selbst in den entlegensten Ecken Deutschlands. Und so hast du dort gesessen. Und gewartet.
Ab und zu kamen Leute vorbei, die dir beim Warten zusahen. Die sich mit dir unterhielten, dich ablenkten oder es versuchten. Vielleicht wie das kurze grelle Licht, bevor ein Stern verglüht.
Und du hast gewartet, auf den Plan vertraut, auf die Legende von Zeit und Ort. Du hast zugesehen, wie die Zeit verstreicht. Du hattest dich hierher begeben, um zu warten und nun würdest du das bis zum Ende tun. Selbst, wenn das einzige blieb, was du tun konntest.
Möglich: für dich machte das alles keinen Unterschied mehr. Sie sagen, wir seien hier, um zu schlafen und zu träumen.
Schlafen, vielleicht auch Träumen.
Wie müde kann man vom Warten werden? Oder von allem, was von Herzen kommt? Von Alpträumen, Bilder, die sich nie abschütteln lassen, Erlebnissen, die man immer wieder durchlebt? Von Geschichten, die ich so gern gehört habe – oder die, die du so gern erzählt hast? Wie viel Kraft gibt es, einen Urenkel anzulächeln? Wie viel kostet es? Wie war es, als dir bewusst ist, was ein hunderster Geburtstag alles bedeutet? Hat er für dich diese Zahl überhaupt eine Bedeutung gehabt? Wie viele Bilder hinter deinen Lidern sind schon viel zu lange nur in schwarz und weiß? Wie schwer fällt ein Abschied? Was lässt du zurück? Was wirst du vermissen? Und wie sehr hat dir Frida schon gefehlt?
Vielleicht kam dieser eine Moment. Der Augenblick, in dem du so müde warst, wie man es nur einmal im Leben ist.
Und dann hast du nicht mehr warten wollen, hast allen noch einmal in die Augen gesehen, zurück und nach vorn, hast dich ein letztes Mal erhoben, dem einen entgegen.
Du fehlst.