e.o.f.

Noch im Traum höre ich den Namen eines Bahnhofs, der mir bekannt vorkommen sollte. Wenn ich richtig wach wäre. Ich sortiere die Stimmen, die einen im Kopf, die anderen im Abteil.
- …so einfach kann das nicht sein.
Meine Augen sind noch nicht ganz offen, die Stimmen noch nicht endgültig geordnet.
- …du kannst nicht einfach so gehen - nach all den Jahren.
Durch den Schlitz meiner Augenlider sehe ich ein Mädchen und einen Jungen auf der Bank gegenüber. Die Körper sind zueinander gedreht, beide zurückgelehnt, die Arme verschränkt.
Meine Augen fallen wieder zu. Die Stimmen passen nicht zu meinem sich davonschleichenden Traum. War da nicht Sonne und Meer? Und hier? Kalt? Regen? Blaue Filter vor der Kamera? Weitwinkel, um beide Hauptdarsteller zu sehen?
Meine Augen öffnen sich wieder ein bisschen.
-… wir können doch auch weiterhin…
- Das ist nicht das selbe.
Ich ordne langsam die Stimmen ein - und auch die Szene, die ich sehe. Reden sie gleich von Freundschaft, von verpassten Chancen, von Zukunft, die sich auch irgendwann wieder ändern kann in das, was einmal war? Und dann? Dann sprechen sie weiter.
- Du kannst nicht einfach ein Solo-Album aufnehmen, da ist Unverständnis in der Stimme, wenigstens hättest du was sagen können.
- Ja, dass ihr das übers Management erfahren habt, war Scheiße!?!
Alles anders. Alles anders, als ich dachte, würde dann wohl der nächste Song heißen. Nur schreiben muss ihn noch jemand.

Stempelkissen

Er stand vor dem Hauseingang. Scheitel. Bomberjacke. Mit Chlor gebleichte Jeans, hochgekrempelt. Springerstiefel. Aus der Entfernung machte ich mir meine Gedanken. Ob er mir meine Gedanken ansehen kann. Ich neige ja manchmal dazu, dass mein kein Hellseher sein muss.
Erst aus der Nähe sah ich die Farbe seiner Schnürsenkel.
- Auf Details achten, du musste mehr auf Details achten, hatte auch schon meine Kunstlehrerin in der sechsten Klasse zu mir gesagt.
Aber so einfach ist das alles nicht mehr. Selbst die Details lassen nicht immer einen kurzen Schluss zu.
Ein Freund von mir hat mir erst neulich erklärt, welche Farben von diesen Gummiarmbändern was bedeuten. Also solo, für alles offen, Doggystyle und andere Vorlieben.
Danach seufzte er so komisch. Ich guckte daraufhin genauso.
- Is alles nicht mehr so einfach, sagte er darauf, seit der Zeit all dieser David Beckhams tragen die Jungs diese Dinger nur aus Styling-Gründen.
Er machte eine Pause und grinste dann.
- Da kriegst du manchmal komische Blicke serviert, wenn du einen von denen anbaggerst.
Wir lachten beide.

Später am Abend erzählte ich ihm, dass in dem Land, in dem ich groß geworden aufgewachsen bin manches einfacher zu erkennen war. So mussten die Antennen in eine bestimmte Richtung weisen, um die beiden erlaubten Sender zu empfangen - und eben keinesfalls andere.
Bei meinem Opa kamen dann ab und zu mal Leute vorbei, die ihm nachdrücklich den Rat gaben, welche Richtung das war.
Vielleicht war da einiges einfach zu erkennen.

Einfacher muss es deswegen auch nicht gewesen sein.