verschiedenes VI

1. Sie & Er

Im Hintergrund läuft leise eines der Lieder, die leise im Hintergrund laufen. Sanft bewegen sie sich dazu.
- Das kenne ich, sagt sie.
- ..?…
- Scorpions
- Naja, fast, ist von den Eagles..
- Egal, die pieken doch auch..

2. Er & Sie

In der U-Bahn sitzen beide nebeneinander. Sie ist in ihre Zeitung vertieft, seine Lektüre liegt auf seinem Schoß. Trotzdem folgen seine Augen den Linien und Wogen von Worten.
Als sie endlich mit einem Teil ihrer Zeitung fertig ist, sieht sie ihn an, reicht den Teil in seine Richtung, nickt und lächelt.
Er läuft etwas rot an und senkt den Blick auf seine Zeitung. Ihre Augen folgen seinem Blick und lassen sein Gesicht noch mehr erröten. Während sie immer noch lächelnd und er sich-ertappt-fühlend auf seine Zeitung sieht, auf die Seite mit der nackten Frau des Tages.

3. Sie & Sie und irgendwie alle anderen er’s

- Wie ist das so, zu wissen, dass alle Männer einen wollen?!
- Wieso? Sind doch bloß Männer!

aus mEine schöne Bescherung

4. …

Gewißheit konnte nur einer haben, der selbst von großer Dauer war, wie die Sterne, die Berge oder das Meer. Und die hatten wiederum keine Worte, um auszusagen, was sie aus langem Bestand wußten. In diesem Punkt gab es mehr Freiheit, als man sich wünschen konnte. Das Richtige konnte man schon tun, aber es war immer möglich, dass alle anderen es für das Falsche hielten. Sie konnten sogar recht haben.

aus Die Entdeckung der Langsamkeit von Stan Nadolny

Orchidee IV

Heute nacht auf Radio Orchidee: Season’s Greetings.

Die Muppets Weihnachtsgeschichte

Kevin allein zu Haus
Schöne Bescherung
Die Geister, die ich rief
Der kleine Lord
Drei Haselnüsse für Aschenbrödel
Abenteuer im Zauberwald
Winnetou
Stirb langsam

Und nicht vergessen: danach aber Fernseh aus!

romanTisch

Händchenhalten in Nahaufnahme. Oder Kinder, Babys vielmehr auf Unterarmen. Und auch alte Menschen mit Weissbroten auf Bänken, die Vögel füttern.
Finde ich romantisch. Dieser vergessene Blick, während die Hand immer wieder aufs neue in die Tüte greift und Brotkrumen weiter in die hinteren Reihen wirft, so dass die vermeintlich schwachen auch mal was abbekommen. Die Welt im kleinen wieder heil ist.

So kriege ich ein schimmerndes Lächeln, als ich den älteren Herren mit diesen beiden Riesentüten auf den Steg zugehen sehe. Als wolle er den Vormittag am See verbringen, Vögel füttern, wissen, dass ihm diese dankbar sind.
Mein Lächeln ist fast beleidigt, als er die beiden Tüten gleichzeitig über die Umfassung des Steges hebt und sie gleichzeitig in den wilden Haufen von Enten, Haubentauchern und Schwänen kippt.

Er sieht wohl meinen Blick.
- Die fressen ja alles, sagt meine Frau immer, und: was man da an Müllgebühren sparen kann.
- Aber mein Weltbild lasse ich mir nicht davon kaputt machen, sage ich etwas trotzig.
Und er denkt wohl etwas ähnliches.
- Die Jugend von heute…

Was solls

Es gibt diese Tage. Wirklich. Ich habe es erlebt.

Dabei fing der Tag etwas ungemütlich an. Regen, nass und feucht, so dass dir die Kälte in die Knochen kriecht. Den Kragen hochgeschlagen und ab zum Bahnhof. Die Straßen waren dunkel und bis dahin hätte ich auch nicht dran geglaubt.
Aber auf dem Bahnsteig ein schüchternes Lächeln. Ich dreh mich noch um und sah über meine Schulter. Doch da stand niemand, der gemeint sein könnte. Dieses Lächeln galt mir.
In der Bahn folgte das nächste Lächeln. Und auch das übernächste sollte nicht das letzte gewesen sein.
- Vielleicht wurde was ins Trinkwasser gekippt?
, dachte ich mir noch und, macht der Grund für alle freundlich gestimmten Mundwinkel an diesem Morgen einen Unterschied?
Als ich mir meinen Kaffee holte: freundliche Gesichter. Und das ist nicht immer üblich, an einem Morgen, im November, in Berlin.

Mittags bin ich das erste Mal an diesem Tag aufs Klo. Der Typ im Spiegel sah mich mit einem überraschten und einem plötzlich wissenden Auge an.
Der Typ im Spiegel hatte noch die Schatten von zwei Creme-Strichen auf den Wangen. Aufgetragen und nicht verschmiert. Kriegsbemalung im zarte-Mischhaut-Stil.
Und, als ob das nicht reichen würde, noch einen dicken Rest Schokoaufstrich im Mundwinkel.
Der Typ im Spiegel guckt komisch zurück.

Und dann lacht er doch noch.