Leben.
Es ist wohl eine der Herausforderungen des Lebens, dass es eine Prüfung ist. Leben ist eine Prüfung. Die längste. Aber die gute Seite daran ist dann wohl, dass man selbst entscheiden kann, ob man bestanden hat.
So manche Entscheidungen trifft man selbst. Obwohl, dass ich länger nicht an dich gedacht hab – das war kein bewusster Prozess. Ebenso nicht, dass du dann wieder den Weg in meine Gedanken gefunden hast. Wie sollte es anders sein: es war wegen einem Lied.
Du hast vor einer ganzen Weile diese Art von Reise angetreten, bei der man nie wissen kann, wann oder ob wir uns wiedersehen. Eines Tages warst du weg. Ohne einen Abschied. Kein letztes Telefonat, kein Brief, keine Tränen. An diesem Tag.
Das Leben ist eine Prüfung. Du hast für dich selbst entschieden. Du hast allein entschieden. An diesem Tag, im November. Du wolltest weg. Vielleicht weil dein Mädchen schwanger war. Vielleicht, weil sie dich nie wieder sehen wollte. Vielleicht, weil du nie das Kind sehen solltest. Du wirst deine Gründe gehabt haben. An diesem Tag. Den Tag, an dem du die Abgase ins Auto geleitet hast. Ja, man trifft die Entscheidung selbst. Oder auch allein.
So wie die Entscheidung, wenn man entscheiden muss, ob die Geräte sie weiter am Leben halten. Was immer Leben heißt. Oder wie die Definition dafür aussieht. Wie sie da so lag. Schläuche überall und Maschinen. Irgendwo dahinter, darin, darunter: Ein Mensch. Und die Seele? Hat sie Platz zwischen all diesen Maschinen? Wird sie auch künstlich beatmet? Manche Entscheidungen trifft man selbst. Allein. Einsam.
Oder. Dieser kleine Junge, dieses zerbrechliche Wesen im Brutkasten. Monate zu früh. Die Ärzte redeten in fremden Sprachen und Fachwörtern. Ich hab nicht viel verstanden. Nur, dass sie ihm keine Chance gaben.
Sein kleiner Brustkorb senkte sich, hob sich wieder. Immer und immer wieder. Wie sollte so etwas schönes verblühen?
Manche Entscheidungen trifft man nur für sich. Allein. So wie dieser Junge die Entscheidung getroffen hat, dass er leben will. Ganz allein für sich. Stärke liegt manchmal in der zartesten Blüte. Er hat entschieden, dass er leben will.
Du wärst stolz auf deinen Sohn.
Die Worte machen mich völlig fertig. Und doch sind sie wunderbar und so voller Kraft. Ganz lieben und herzlichen Dank dafür.