nie allein

An meinen geschlossenen Augen huschen zwei Schatten vorbei. Ich spüre eine kleines Beben der Sitzbank vor mir, höre wie sie leise unter dem Gewicht der beiden quietscht.Bald, schnell, sofort geht das Quietschen in ein Schmatzen über. Dieses feuchte Schmatzen. Lippen, Zungen, Lippen, vielleicht Hände, geschlossene Augen. Oder auch offene. Auge in Auge. Ein Versprechen. Lust. Verlangen. Lippen, Lippen. Feucht glänzend. Miteinander ringend. Umtänzelnd. Über einander herfallend.

Erst merke ich, dass ich mir selbst an den Lippen knabber und dann wird mir bewusst, dass ich die Augen geöffnet habe. Ich sehe sie, wie sie sich über ihn beugt. Wie er empfängt, was sie nur zu willig gibt. Aber Männer neigen ja dazu die Welt wie ein Pornoregisseur zu sehen.

Sie küssen sich. Aber vielleicht küsst sie auch ihn. Ich schaue auf die Scheibe, sehe auf ihr Spiegelbild. Unauffällig. Aber wahrscheinlich ist ihr das eh egal. Ihre Hand liegt an seinem Nacken, seine Hände auf der Sitzfläche.
- Meine Station, die Stimme klingt wie die Imitation einer Selbstverständlichkeit.
Sie nickt und ihr lächeln ist ein Eisberg.
- Viel Spaß heut abend, und da ist ein Brocken Eis in ihrer Stimme.
- Ja, danke, und die Stimme klingt zwischen Freude, schlechtem Gewissen. Ist er froh? Ist er es nicht? Er wüßte vielleicht selbst keine Antwort.

Er steigt aus. Zündet sich eine Zigarette an. Sie sieht auf, sieht hin, senkt den Blick, sieht auf ihre Hände, sieht hinaus, senkt den Blick, schaut auf ihr Spiegelbild.
Er steht draußen, die Zigarette in der Hand und das Lächeln, das er zeigt, versteckt ein anderes dahinter.

Die Bahn fährt ab. Sie winkt. Er nickt. Die Bahn fährt.

Comments

  1. moondog
    March 29th, 2006 | 18:32

    ha! Keine Bewegung mehr bei den textdieben, jetzt weiß ich auch wieso, hast ne eigene Plattform! Cheers, moondog

  2. March 30th, 2006 | 13:09

    herzlich willkommen auch hier.

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