in dubio pro regio

Heute etwas Zeit zum Nachdenken gehabt.

Es ist doch doppelt gemein: wenn man den Zug knapp verpasst - also so knapp, dass einem der Fahrtwind des anfahrenden Zuges noch Dieter Höhnisch in den Ohren klingt, während man grad den großen Zeh auf die letzte Stufe setzt.
Wenn man also so knapp den Zug verpasst, ist das doch doppelt gemein. Weil das ja auch bedeutet, dass man maximal lange auf den nächsten Zug warten muss.

Ja, für diesen Gedanken hatte ich heute Morgen Zeit. So war das.

Film: Transamerica

Stanley Osbourne steht kurz vor einer Operation. Der Operation, die ihn endgültig zu Sabrina werden lassen soll. Auf der Zielgeraden zu dieser Operation erhält er/sie einen Anruf, dass er/sie Vater eines Sohnes wäre. Diesen Sohn gilt es aus dem Gefängniss abzuholen und nach Hause zu bringen. Wo auch immer das sein mag.

Eine Situation, die zu einem Roadmovie wird. Über die Suche nach sich selbst, nach der Verbindung zu anderen, über Familie und die Sensüchten, die sich nicht zu erfüllen scheinen und dann hinter der nächsten Biegung warten. Wenn man denn soweit geht.

(link imdb)

(link kino.de)

nie allein

An meinen geschlossenen Augen huschen zwei Schatten vorbei. Ich spüre eine kleines Beben der Sitzbank vor mir, höre wie sie leise unter dem Gewicht der beiden quietscht.Bald, schnell, sofort geht das Quietschen in ein Schmatzen über. Dieses feuchte Schmatzen. Lippen, Zungen, Lippen, vielleicht Hände, geschlossene Augen. Oder auch offene. Auge in Auge. Ein Versprechen. Lust. Verlangen. Lippen, Lippen. Feucht glänzend. Miteinander ringend. Umtänzelnd. Über einander herfallend.

Erst merke ich, dass ich mir selbst an den Lippen knabber und dann wird mir bewusst, dass ich die Augen geöffnet habe. Ich sehe sie, wie sie sich über ihn beugt. Wie er empfängt, was sie nur zu willig gibt. Aber Männer neigen ja dazu die Welt wie ein Pornoregisseur zu sehen.

Sie küssen sich. Aber vielleicht küsst sie auch ihn. Ich schaue auf die Scheibe, sehe auf ihr Spiegelbild. Unauffällig. Aber wahrscheinlich ist ihr das eh egal. Ihre Hand liegt an seinem Nacken, seine Hände auf der Sitzfläche.
- Meine Station, die Stimme klingt wie die Imitation einer Selbstverständlichkeit.
Sie nickt und ihr lächeln ist ein Eisberg.
- Viel Spaß heut abend, und da ist ein Brocken Eis in ihrer Stimme.
- Ja, danke, und die Stimme klingt zwischen Freude, schlechtem Gewissen. Ist er froh? Ist er es nicht? Er wüßte vielleicht selbst keine Antwort.

Er steigt aus. Zündet sich eine Zigarette an. Sie sieht auf, sieht hin, senkt den Blick, sieht auf ihre Hände, sieht hinaus, senkt den Blick, schaut auf ihr Spiegelbild.
Er steht draußen, die Zigarette in der Hand und das Lächeln, das er zeigt, versteckt ein anderes dahinter.

Die Bahn fährt ab. Sie winkt. Er nickt. Die Bahn fährt.

tell a joke, tell it twice

Irgendwann verloren wir uns im Gespräch. War das Licht zuerst da - oder doch das Wort? Bräuchte das Wort nicht einen Träger?
Gibt es nur die Schwangerschaft im gynäkologischen Sinne? Oder eher: gibt es eine andere Art? Und: zu welcher Art führt die unbefleckte Empfängnis? Wer könnte schon den Erzeuger fragen?

Aus der ganzen Diskussion kamen wir irgendwie nur mit einem Witz raus. Und da dort keiner so richtig drüber gelacht hat, versuche ich es hier einfach noch mal. Also:

Ein evangelischer Pfarrer, ein katholischer Priester und ein jüdischer Rabbi streiten sich, welcher Zeitpunkt den Beginn des Lebens kennzeichnet.
Der katholische Priester: Das Wunder des Lebens beginnt, wenn die Eizelle durch den Samen befruchtet worden ist.
Der evangelische Pfarrer: Das Leben beginnt, wenn durch das Wunder der Geburt der menschliche Körper in die Welt eintritt.
Der jüdischer Rabbi: Könnte ja alles sein. Aber beginnt das Leben nicht erst, wenn die Kinder das Haus verlassen?

der rote punkt

- Eine Mülltonne. Seltsamer Ort für eine Liebeserklärung, denke ich, als ich den Schriftzug lese. Mariam, ich liebe dich.

Seltsam. Doch auf den zweiten Blick sehe ich, dass der Schriftzug schon etwas verblasst ist. Vielleicht doch der richtige Ort? Lange her, fast vergessen, reif für den Sperrmüll. Wie ein Sofa, das nicht mehr zum neuen Handy-Klingelton passt. Wie ein alter, noch halbgefüllter Kühlschrank, an den man sich gewöhnt hatte.
Erst im Gehen sehe ich, dass es nicht die Mülltonne ist, sondern die Tonne für den grünen Punkt. Und ich denke an Recycling, an den ersten Hauptsatz der Thermodynamik und daran, dass alles seinen Weg findet, nichts verloren geht.

wahrheit

wenn je ein mensch wagen würde alles was er auf dem herzen hat auszusprechen,sein wirkliches erlebnis,alles was wirklich seine wahrheit ist niederzuschreiben,dann glaube ich ginge die welt in trümmer..würde in stücke zerspringen..und kein gott,kein zufall,kein wille könnte je die stücke,die atome,die unzerstörbaren elemente zusammensetzen aus denen die welt bestand.

Henry Miller

Ja, ich wöllte.

Nach Untersuchung der Universität Zürich gehören die Monate vor der Hochzeit und das erste Ehejahr zur glücklichsten Zeit im Leben eines Menschen.

Also, Jungs und Mädels: Heiraten! Oder?

Film: Capote

Wie ist das, wenn sich ein Schriftsteller in seine Figuren hinein denkt?, hineinempfindet?, hinterrücks hinein schleicht? Wie ist das, wenn diese Figuren wirklich existieren - und das richtige Leben sich nicht nach dem Buchplott richten will? Wie ist das, wenn diese Figuren, die realen Personen dahinter Mörder sind? Und der Schriftsteller süchtig, obsessiv, besessen? Von den Figuren, seinem Buch und vor allem: von sich selbst?

Trueman Capote hat 1967 die Novel In Cold Blood - Kaltblütig geschrieben und sich damit in ein Licht gestellt, dass einen langen Schatten warf. Er schrieb dieses Buch als einen Dokumentationsroman über einen Mord an einer vierköpfigen Familie. Das reale Leben zur Unterhaltung, im Schummerlicht , als Schock.

repeat 1

Für zwei Dinge war er bekannt. Für seine Umschalt-Geschwindigkeit beim Fernsehen und für seine Repeat-1-Attacken bei diesen richtig, richtig guten Liedern. Immer und immer und immer und immer und immer wieder das selbe Lied.

Und jetzt sieht er diese Frau an - und überlegt nicht lange. Nie wieder Fernsehprogramm, immer und immer wieder Musik. Musik und nichts als Musik.

Buch: Tom Sharp | Mohrenwäsche

Eines gleich voraus: der Autor wurde bereits vor diesem Buch aus Südafrika ausgewiesen. Und es ist eigentlich kein politisches Buch. Eigentlich, weil: wer oder was ist schon unpolitisch?

Polizeikommandant von Heerden träumt davon ein richtig englischer Gentleman zu sein. Während sein Stellvertreter davon träumt, Polizeikommandant zu sein. Also macht sich der eine auf, Engländer zu suchen, die ihn unterrichten und der andere sucht nach kommunistischen Saboteuren, die er erlegen verhaften kann. Am Ende liegt die Stadt in Schutt und Asche und die kommunistischen Saboteure, nun: welche kommunistischen Saboteure?

Ein Buch, das nicht den Anspruch hat p.c. zu sein - vielmehr mit der ehemaligen südafrikanischen Heimat abzurechnen und vielleicht auch mit der neuen britischen, der Idiotie und dem Rassismus auf beiden Seiten. Immer wieder blieb mir das Lachen im Halse stecken oder fand dann doch seinen Weg, böse zu klingen. Böse, böse.

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