Vermutlich Wissen

Steffen saß auf der Treppe, leckte an seinem Eis. Obwohl er wohl mehr versuchte, dass nicht zu viel davon schmolz, über seine Hand lief und auf den Boden tropfte. In Gedanken verwünschte er sich, dass er einen Becher genommen hatte und keine Waffel. Jetzt erklärte er sich auch das leichte Lächeln des Eisverkäufers. Ein Schlingel – vielleicht war er aber auch nur freundlich gewesen.
Steffen aß weiter sein Eis und gönnte den Tropfen, die seiner Zunge entkamen, die kurze, trügerische Freiheit. Es bildeten sich kleine Pfützen. Steffen sah wie die zähe Masse sich weiter ausbreitete, fast schon zu träge einfach nur zu verdunsten.
Weiter unten an der Treppe, im Halbschatten der Häuser suchten noch andere als der Eisverkäufer nach Geschäften. Die Saison war immer kurz, die Touristen leicht genervt. Es war ein Kunststück, den Punkt zwischen Interesse wecken und Belästigung zu finden, der sie Geld ausgeben ließ.
So wie der Wahrsager, der zwei Klappstühle hingestellt hat, auf einem sein Hintern, auf dem anderen seine Füße. Steffen sieht nur seinen Rücken und stellt sich vor, dass er die Augen geschlossen hat. Fast schon sicher, wann der nächste Kunde kommt.
Immer, wenn ein Zukunftssuchender einen Fingerzeig erwartet, nahm er seine Füße vom Stuhl und bot den Platz an. Die Leute setzen sich und er rutscht ein Stück näher heran. Meist schaute er erst in die Hände, fuhr die Linien entlang. Fast schon liebevoll. Dann nickte er, wackelte mit dem Kopf, ab und zu zuckte er mit den Schultern. Danach sah er in die Karten und langsam purzelten die ersten Worte. Steffen sah das weniger an ihm selbst, als an der Haltung der Kunden, wenn sie ein kleines Stück näher rutschten, vielleicht den Kopf schief legten, um besser zu hören.
An ihren Reaktionen war man beinahe die Weissagung abzulesen. Oder daran, ob sie ihm zu Abschied die Hand gaben, sich bei ihm bedankten.
Steffen stellte sich anhand dieses Verhaltens den Inhalt dieser Weissagung zusammen. Er erfand Geschichten mit Schicksalsschlägen, vorbestimmten Wendungen, Glück in der Liebe, Pech im Spiel. Ein paar Namen, Orte, Daten und kleine Chroniken entstanden. Bei manchen musste er lachen, andere stimmten ihn melancholisch. Und Steffen stellte sich vor, dass es dem Wahrsager ähnlich ging. Die großen, bedeutenden Dinge und Gefühle. All die kleinen, alltäglichen und nichtigen Problemchen.

Als sein Eis alle war, wischte er sich die Hand mit einem Taschentuch ab und machte sich auf den Weg die Treppe hinunter. Obwohl ihn der Wahrsagen nicht sehen konnte, nahm der die Füße vom Stuhl, als Steffen hinter ihm stand.
Steffen tat nicht einmal verwundert und setzte sich. Wortlos reichte er dem Wahrsager die Hand, ließ die Karten sprechen. Sah auf das Gesicht, auf das Spiel der Mimik, auf das Spiel von Licht und Schatten in den Augen. Er kannte die Orte, die Namen, von denen er kam selbst. Manche behaupteten, dass Propheten nichts anderes waren als Mathematiker des Lebens. Sie errechneten aus dem, was geschah, dass was geschehen wird. Aber so einfach ist das wohl nicht immer.

Der Wahrsager sah auf und seine Lippen bewegten sich zögerlich. Doch bevor sie das erste Wort formen konnten, winkte Steffen ab.
- Du hast aus meiner Hand gelesen. Ich aus deinem Gesicht. Mehr will ich nicht wissen.
Überzeugung in dem einen Gesicht, etwas wie Verwunderung im anderen. Dann ein Lächeln bei beidem. Und noch eine Kleinigkeit später das Lachen des Wahrsagers. Steffen bedankte sich, gab ihm die Hand. Ein Handschlag, klebrig wie die Vergangenheit. Dann lösten sich die beiden Hände voneinander.

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