heute mal kindisch

    Morgen habe ich frei. Morgen treffe ich liebe Leute. Morgen gehe ich zu einer Lesung. Ich freu mich auf Morgen.
    Und das beste daran: Morgen ist nich mehr lange hin. Und von der Vorfreude auf Morgen habe ich heute schon was. Und übermorgen kann ich dann von morgen, also quasi von gestern schwärmen.  Das ist doch mal ne schöne Zeitreise. Und dann bin ich auch wieder seriös.
    Vielleicht.

Steitkultur

    - Für mich ist das wirklich wichtig, sagt sie, boxt ihm gegen den rechten Oberarm und wirft ihm einen Rocky-Blick zu. Er reagiert nicht so recht, doch so leicht läßt sie sich nicht schlagen.
    - Du kannst das doch nicht einfach so abtun, als wenn es nichtig wäre oder nicht wert darüber zu reden!
    Er hört deutlich die fettgesprochenen Ausrufezeichen hinter jedem ihrer Worte.
    - Du hast recht.
    Hundeblick.
    Ein Blick wie Unverständnis. Er lächelt sie an.
    - Ich liebe dich.
    - Ach, sie winkt sie ab, mit dir kann man einfach nicht streiten.
    Grinsen.
    - Du brauchst gar nicht so grinsen.
    Er zieht sie zu sich und gibt ihr einen dicken Schmatzer, streicht über ihren Rücken. Sie drückt mit ihren Händen gegen seine Brust.  Der Schmatzer wird zu einem Kuss. Ihre Abwehr wird schwächer, der Kuss intensiver. Seine Hände auf ihrem Rücken, auf Streifzug, greifen zu. Er hebt sie auf den Küchentisch, ihre Lippen noch ineinander verbissen. Die Knöpfe ihrer Hose geben seinen Hände nach. Er öffnete seine Augen und sieht in ihre. Mit offenen Augen küssen sie sich weiter. Er streift ihre Hose ab. Bald liegt sie mit dem Slip zu ihren Füßen. Er greift nach dem Öl, streicht erst seine Hände ein, läßt sie unter ihr Shirt gleiten. Er massiert ihre Brüste, sieht ihr weiten in die Augen. Langsam gleiten seine Hände tiefer. Sie schließt die Augen. Seine Hände bahnen sich den Weg. Ein Seufzen.

    Mit eine scheuen Hand zwischen den Beinen steht sie vor ihm, eine Ecke des Taschentuchs blinzelt hervor. Er greift nach seiner Hose ohne den Blick von ihr abzuwenden.
    - Du brauchst aber gar nicht daran glauben, dass das Thema jetzt erledigt ist!
    Wieder hört er das Ausrufezeichen und er versucht es mit einem schiefen Lächeln.
    - Ach, man!
    Diesmal hört sie das Ausrufezeichen und prustet los.

deplatziert

    Eine öffentliche Toilette ist immer irgendwie ein rechtfreier Raum. Also rein rechtlich und meist recht unreinlich. Aber das soll jetzt nicht weiter als nötig ausgeführt werden.
    Ich fand mich jedenfalls aus recht offensichtlichen Gründen auf einer öffentlichen Toilette wieder. Auch da keine Details. Ich sitze und harre der Dinge, als von nebenan ein recht klagender Laut kommt. Sofort, umgehend und so schnell wie möglich stellte ich meine Atmung auf flach, flacher, kaum merklich um und schwankte aufgrund des Lautes zwischen der Diagnose Durchfall und Verstopfung.
    Was auch immer es war. Es schien schlimm zu sein. Der klagende Laut wurde intensiver, grollender. Fast schon wollte ich meine Stimme erheben und Hilfe anbieten, als eine zweite Stimme sich dazu mischte. Die Erkenntnis traf mich und verfehlte ihre Wirkung nicht. Ich hörte mir den Gesang ihrer Stimmen an. Schmeckte schon fast die Veränderung in der Luft.
    Ich verließ die Toilette ohne, na ihr wisst schon. Irgendwie hätte ich das unpassend gefunden.

ignition

    Es regnet. Und ich habe nicht einmal Lust, mich über die Leute aufzuregen, die sich über den Regen aufregen. Tripptropfplatsch gegen die Fensterscheibe. Das verwischt einigen schon mal die Sicht. Oder die Laune.

    Ich bastel mir jetzt einen Kaffee - und dann mal gucken was passiert. So wie ein glimmender Holzscheit unter Dynamit. Naja, oder einem Holzstapel. Mal gucken was passiert. Es regnet ja auch.

groß

    Ich habe heute meine erste große wiedergesehen. Mal wieder gesehen. Wie das ist? Nie das gleiche und immer wieder das selbe. Jeder hat jetzt sein eigenes Leben. Eins nach dem gemeinsamen. Mittlerweile hält mich ihre Mutter für einen von den Guten. Und dabei bin ich es vor zehn Jahren vielleicht noch gewesen. Wie so viele Dinge, die ich vor zehn Jahren war.

    Wie konnte ich so blind sein? Und ich meine beide Varianten.

    Mittlerweile weiß ich etwas mehr. Habe dafür andere Sachen vergessen. Alles vergeht. Nichts kann von Bestand sein. Es bleiben zwei Leben und gemeinsame Momente.
    (Und vielleicht eine Träne bei gemeinsamen Liedern… mit dem selben Geschmack.)
   
    Jedes Treffen ist wie ein kurzer Einhalt im freien Fall. In der Zone zwischen unseren eigenen Leben, in den gemeinsamen Augenblicken. Und schon bald geht jeder in sein Leben zurück. Schaut noch einmal über die Schulter und, ja, wir werden uns wieder sehen.

    Wie wird es dann sein?

der blick nach vorn zurück

    Nur so ein Gedanke: Warum soll man um eine Beziehung, eine Frau, einen Mann kämpfen, wenn sie vorbei ist, keine Chance hat, alles andere wahrscheinlicher wäre? Früher haben Seeleute nicht schwimmen gelernt. Nur so ein Gedanke. Muss keinen Sinn machen.

    Aber was ich eigentlich erzählen wollte. Ein Hauch zieht anscheinend durch Berlin. Er trug eine meiner Wimpern fort - und fast hätte ich mir was gewünscht.
    In der Zeit von Mobiltelefonen mit mehrstimmigen Klingeltönen, Emails mit Videos als Anhang, Klingeln, die, ach wasweißich. Da stand er unter vor ihrem Haus, in der linken Hand eine Rose, warf mit der rechten kleine Kiesel gegen ihr Fenster. Nervös, die richtigen Worte noch nicht bereits. Also das letzte unterstelle ich einfach mal. 
  Und ein älteres Päarchen. Vielleicht sechzig, siebzig. Er schäckert mit ihr. Einen Klatscher auf den Hintern. Ein Kuss, nur gehaucht, auf ihre Wange. Beide Augenpaare glitzern. Es gibt diese Momente.

    Wird es Frühling? So kurz mal eben - zwischen zwei mal zwinkern? Ist doch noch etwas Frühling in Berlin übrig? Oder Sommerleichtigkeit?
    Hoffentlich. Ja!, hoffentlich.
  

—–

still

Ich war am Grab meiner Oma. Ich habe ‘Hallo’ gesagt und sie, dass es wieder Plinsen zum Mittag geben würde und Filinchen mit Schoko zum Kaffee. Ein Lächeln zog über mein Gesicht. So wäre es gewesen. War es aber nicht.

Ich sah auf das Grab. Die Stelle, wo der Grabstein später stehen würde. Der Grabstein, der noch fehlt. Noch fehlt. Wenn er eines Tages stehen wird, wird ein zweiter Namen daneben stehen. Und ich will nicht, dass er dort irgendwann steht. Ich will, dass er nie dort stehen wird. Ich will es nicht.

Aber nach mir geht es nicht. In dieser Welt, in der Männer angehimmelt werden, weil sie schnell um Kurven fahren können
oder schlechte Lieder von schlimmeren Typen nachsingen. Eine Welt in der sich Typen für weltoffen halten, weil sie Bier außerhalb des deutschen Reinheitsgebotes trinken.

Ach, Scheiße!, ich lass es. Ich gehe jetzt joggen auf Lautstärke zehn. Oder ganz still schwimmen.

Ganz still.

Still.

manic street peachers

    Der Plattenspieler knackt einmal kurz und fängt die Platte wieder von vorn an. Eine Stimme singt. I’ve heard there was a secret chord, that david played and it pleased the lord. Die Platte lief schon vorhin, als er geklingelt hat. Unberüht steht sein Kaffee noch vor ihm. Schwarz, stark, nicht mehr ganz so dampfend. Ich schütte Zucker hinein, schiebe die Tasse zu ihm. Er nimmt den Löffel. Er rührt um. Bing. Bing. Der Löffel schlägt gegen die Tasse. Die Uhr hinter mir tickt. Ich warte.
    Der Plattenspieler knackt einmal kurz und die Platte fängt wieder von vorn an.
    - Weißt du, es gibt diese Tage, er stockt, sie spielen dieses Lied im Radio, du schaust zum Himmel auf  und es zeichnen sich Wolken ab.
    Pause. Ich beobachte seine Hände. Die Knöchel sind ganz weiß, so stark ist der Druck.
    - Du kommst nach Hause und: Natürlich! Dir fällt ihr Bild in die Hand - und plötzlich bist du wieder siebzehn. Und dann ist es wie ein fernes Beben. Du spürst wie die Meeresoberfläche sich leicht kräuselt, brauchst gar nicht hinschauen. Schon kurz danach: ein Rauschen aus der Ferne und du kannst zusehen, wie sich das Wasser zurück zieht.
    Er atmet tief.
    - Dann wird der Himmel dunkel und die Vögel still. Du siehst die Welle kommen. Eine Flutwelle wie in der Bibel, weißt du?
    Ich nicke.
    - Eine Flutwelle, flüstert er.
    Seine Augen kurz vor dem Dammbruch.
    - Ich konnte nie besonders gut schwimmen.
    Seine Mundwinkel zucken leicht. Ein Lächeln?
    - Aber ich kann jetzt tauchen.

    Im Radio läuft ‘tsunami’ und ich probiere wie lange ich die Luft anhalten könnte.

size does(nt) matter

    ‘Man ist nur so groß wie die Dinge, die man sieht’, hat mir mal jemand gesagt.

    Heute war ich nach zehn, vielleicht auch fünfzehn Jahren wieder auf dem Wochenendgrundstück meiner Großeltern. Irgendwie wirkte alles so klein oder auch nur kleiner als in meiner Erinnerung. Ich stand im Zimmer und…, ach ich weiß nicht. Vielleicht waren es auch die vielen Erinnerungen, die den Raum klein machten.
    Aber der Geruch war noch der selbe und das Rauschen der Bäume - wie Meer, wie Brandung. Und der See hinter dem Wald, mit der versteckten Badestelle und den gleichen alten Bänken.

    He, und das Wasser war verdammt kalt. Wo wir auch wieder beim Thema Größe wären - und auch dem vorher - nachher - Effekt.

    (Nun zur Werbung: cornflakesblau.de wurde wieder aktualisiert. Zwei mal Instantsommer zum mitlesen.)

appetite

    Die Bilder waren der Schärfe beraubt. Verschwommen durch die Taufe in Licht und Farben. Als sie ihre Hand zu ihm ausstreckte, schien auch sie zu verschwimmen. Die Linien wurden weicher, wärmer, greifbarer. Sie berührte seine Brust nur leicht, ließ ihre Hand über seinen Brustkorb gleiten, über die Schulter, seinen Halsansatz zum Nacken. Behutsam zog sie seinen Kopf zu ihrem, seine Lippen zu ihren. Nur flüchtig berührten sie sich. Sie wurde trunken vom weichen Geschmack, von der Nähe. Sie sah in seine Augen.
    - Warst du einsam?
    Noch bevor er antworten konnte, berührten sich ihre Lippen wieder, verbissen sich bald ineinander. Sie spürte das Zittern unter seiner Haut, das Beben in seinem tiefsten Innern. Seine Worte gingen im Seufzen unter. Sie würde seine Antwort im Spiel der Körper spüren.

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