let there be (____ .)

    Heute Nachmittag wurde draussen das Gras gemäht. Ich lag auf meinem Liegestuhl, las ein Buch und der Geruch schlich zu mit herüber. Er tippte mich an, kroch an mir hoch, er umschlang mich. Und erst nach einer ganzen Weile, merkte ich, dass ich mein Buch fallen gelassen hatte.
    Ich war ganz sanft Regisseur für mein eigenes Kopfkino geworden. Die Bilder wechselten, verschwammen, gingen in einander über. Keine harten Schnitte, sondern lange, lange Einstellungen. Ich kam nicht drauf, woran mich der Geruch erinnerte. Vielleicht an die Nachmittage auf dem Wochenendgrundstück meiner Großeltern. Wir gingen fünf mal täglich baden und manchmal ein sechstes Mal mitten in der Nacht. Zum Kaffee gab es immer frische Erdbeertorte mit selbstgeschlagener Sahne. Vielleicht hat mich der Geruch daran erinnert. Vielleicht.

    Die Türklingel riss mich von meiner Assoziationexpedition weg. Dabei war ich nicht einmal vom Basislager los.
    Ich öffnete die Tür. Draußen standen zwei Herren, die sich ohne große Umschweife oder ein Lächeln vorstellten und mich fragten, ob ich Telefon hätte.
    In der Stille nach diese Frage purzelte mir Gedanken und Bilder durch den Kopf. Rache wäre das falsche Wort, aber es ist grade das erste, das mir einfällt. Vielleicht hätte ich sie herein bitten sollen, sie ihn Sicherheit wiegen und ihnen Wahrheitsserum geben soll. Hab ich aber nicht. Das Wahrheitsserum war mir grad ausgegangen.
    So bedankte ich mich, wünschte einen schönen Tag und schloß die Tür.

    Jetzt riecht es draußen nach Regen. Nicht mehr nach frisch geschnittenem Gras. Die Tropfen schlagen platschend auf. Man hört die Autos durch die Fützen fahren. Und es riecht nicht mehr nach Gras.
    Aber vielleicht und nur vielleicht, wenn ich genau hinsehe, sehe ich das Gras fast wachsen. Etwas schneller als sonst. Und dann müßte es bald wieder geschnitten werden.

linksrum

    Vor die Wahl gestellt zwischen Wäsche aufhängen, abnehmen, bügeln und Geschirr abtrocknen blieb ich sitzen.

    Der Himmel war Wasser, war Meer. Die Sonne ging heute im Norden baden, sie strich sanft mit einem ihrer Strahlen die Bedenken des Horizontes hinfort, bevor sie in ihn eintauchte. Vorsichtig, erst mit dem großen Zeh, dann Stück für Stück. Sie zeichnete mit ihren Händen ihre Gedanken in die Wellen, die wie Wolken aussahen. Dann ging sie zielsicher Schritt für Schrit.  Bald war sie bis zu den Schultern versunken.
    Sie drehte noch einmal ihren Kopf zu mir, zwinkerte. Dann schwamm sie hinaus.

Handynaut

    Ich hasse alle Handys mit Melodieklingeltönen. Ich hasse, hasse, hasse sie. Wer das erfunden hat, der sollte.. Aber von Anfang an.

    Ich sitze heute in der S-Bahn und denke noch so unschuldig bei mir: “Der kommt mir bekannt vor.” Und irgendwann fiel es mir dann auch ein. Gesicht, Haarpracht, Kleidung, nun ja, keine Freundschaftsbänder, aber das issa: Wolle Petry. Na ja, sagen wir eins von den besseren Doubles. Ich schaute so zu ihm rüber und in just diesem Moment klingelte sein Handy. Erst fand ich es ja lustig, aber jetzt habe ich schon den ganzen Tag diese teilmelodische Gefiepe in meinen Ohren… Verlieben, verlorn, vergessen, verzeihn….

    Das ist die Hölle, Hölle, Hölle

lesen und lesen lassen.

    Es gibt diesen Film. Was Frauen wollen. Eigentlich nicht weiter erwähnenswert. Aber er spielt mit diesem einen Wunsch, den wohl jeder Mensch mal hat: Gedanken lesen. Einmal nur wissen was der Gegenüber denkt. Und so vielleicht ein Stück, ein kleines Stück näher sein. Nähe.

    Ein einziges Mal hat es bisher geklappt. Es war der 30.September. Ein Mittwoch. Wir saßen im Auto. Ich auf dem Fahrersitz, sie auf dem Beifahrersitz. Wir haben nicht gesprochen. Wir saßen auf den Sitzen, zu einander gedreht und sahen uns an. Und auf einmal war es da. Ein Moment so klar, so einfach. Ich wußte es einfach. Ich dachte nicht einmal darüber nach, sagte einfach “ich weiß, was du denkst.” Sie sah mich an, nicht einmal überrascht. Ich sagte ihr, was sie gedacht hatte. Sie nickte. Sie stieg aus dem Auto. Ich fuhr los.

    Es war wie im Traum. Aber vielleicht ist Gedanken lesen nicht so schwer. Vielleicht ist es sehen, beobachten. Nicht viel mehr.

    Ein Test: Sie sitzen sich gegenüber. In einer Buchhandlungen, einer S- oder Straßenbahn, vielleicht in einem Cafe. Immer wieder lassen sie ihre Blicke streifen, über die Körper, das Gesicht, die Hände des anderen streichen. Vielleicht durch eine Sonnenbrille hindurch, über ein Buch, eine Tasse hinweg. Sie schauen beide. Keine Bewegung zuviel. Wie lauern. Und die Zeit verstreicht, wie sie es immer tut. Nur für einen Moment hält auch die Zeit inne. Als sie aufsteht, um zu gehen. Noch ein Blick. Und er, er sieht, dass sie gehen wird. Es rauscht in seinem Kopf. Er bewegt seine Hand, etwas zu hektisch durch die Stille zuvor. Als wolle er nach ihr greifen, sie halten, niederreißen.
    Und sie, sie sieht die hektische Bewegung. Ihr Blick hebt sich – und trifft seinen zum ersten Mal.

    Und, könnt ihr Gedanken lesen?

    danke an beck .

DiaLog

    – Hast du schon (T)Raumschiff Surprise geguckt?
    – Jupp. Du auch?
    – Na ja, wir wollten zusammen gehen und nun ist sie ja gegangen.
    (Hat ihn verlassen. Er wieder solo. Und sie irgendwo anders.)
    – Na, ist doch gut. Dann kannst du den Film ungestört gucken.

    BLÖDSINN! So ein Quatsch. Dies ist ein Aufruf:
    Geht ins Kino! Verpasst den Film. Egal welchen. Verlasst den Film früher, weil ihr ins Auto flüchtet, auf Decken, in Pärke, in die Arme, auf die Lippen des Anderen. Geht ins Kino. Verpasst den Film!

Wetterfühlig

    Es ist Sommer. Die Sonne knallt auf die Köpfe. Und es gibt hier und dort Gehirn-Popcorn. Zwei Beispiele.

    Am Sonntag, im Streß. Umleitung, Benzin fast alle, seit Jahren, Stunden und Tagen überfällig in einer Familien Pünktlichkeit als Heiligtum gilt. Was das betrifft bin ich wohl Atheist. Anyway. Sonne knallt von oben, im Auto warm, in der Kollone ganz hinten, vorbei und durch die Brandenburger Landschaft. Keine ruhige Musik auf Kassette oder CD dabei. Der Blutdruck steigt. Fenster auf, Kopf auf den Unterarm. Hilft nur kurz.
    Nach, mh, es waren wohl Minuten kommt des Rätsel Lösung. Drei Fahrradfahrer in ihren bunten Shirts zeigen den Autofahrern hinter ihnen die Hintern. Fahren nebeneinander. Als ich vorbei fahre, hupe ich und schimpfe vor mich hin. Einer der Fahrradfahrer winkt und grinst.
    Ich schiebe es auf die Sonne. Seine und meine Reaktion. Wenn in diesem Land einmal die Sonne scheint, geht alles schief. So steht es doch geschrieben.

    Beispiel 2. Auf dem Weg von meinen Eltern, von meinem Opa, aus meiner Heimat nach Hause. Die Sonne scheint durch die Bäume der Allee. Die Musik schmilzt leise durch diese Stimmung. Auf dem Nebensitz Essen von Mama. Mütter sind wohl so. Vor mir ein Polizeiwagen, der aber bald abbiegt. Ich bleibe in der Geschwindigkeit. Die Straße wird enger. Gegenverkehr. Und auf der Fahrbahn ein Fußgänger. Ich muss abbremsen. Fahre ruhig hinter ihm her. Erst nach fünfzig Metern hört er wohl das Motorgeräusch. Er dreht sich um, bleibt stehen. Wir gucken uns an, zucken beide mit den Schultern. Grinsen. Er geht einen Schritt beiseite. Ich fahre weiter. Und die Sonne schien auch. Auch auf mich. Vielleicht lag es auch nicht an der Sonne. Nicht einmal an der Musik.
    Vielleicht lag es einfach an dem Knusper-Po seiner Begleitung. Vielleicht. Ich will mich da nicht festlegen. Wenn die Sonne mal scheint, ist in diesem Land einfach alles möglich.

Sommer

    Es ist Sommer. Sommer. Sommer. Sommer.

    War gestern zu Dieter Nuhr. Wieder viel über die Welt gelernt, noch mehr gelacht. Interessant ist ja, wo so die einzelnen Menschen lachen. Wenn er vorn auf der Bühne sagt “einige wollen ja überhaupt mal Sex haben” und dann Männer klatschend ihre Frauen angucken. Oder er darüber spricht, dass Männer nur eine Denkrichtung haben und Frauen nickend ihre Männer angucken. Aber gut: wer weiß, wo ich am lautesten gelacht habe – und wen ich dabei angeguckt habe.

    Danach erst bei Sommernachtluft durch Berlin, eine Bar gefunden und ne halbe Stunde dort gesessen, ohne zu merken, dass es dreißig Minuten waren. Und auch, ohne bedient zu werden.
    Halt nach Hause gefahren. Crepes gemacht, Küche eingesaut, kalten Heidelbeerwein eingegossen, auf die Teressa. Sommernachtluft in Berlin. Eine von den guten, sehr guten Nächte.

    Es ist Sommer. Sommer. Sommer.