Die Uhr der Biologie

    In der S-Bahn. Oberflächlich lese ich in dem Buch, gedanklich schaue ich aus dem Fenster, tatsächlich höre ich den beiden Mädchen mir gegenüber zu. Alter? Schwer einzuschätzen. Vielleicht Ende zwanzig? Beide auf legere Art gekleidet. Diese Art von leger, die gezielt, sorgsam ausgesucht ist. So wirkt.
    Sie unterhalten sich. Vielmehr redet eine von ihnen und die andere beißt sich auf die Lippe. Ihre Lippe ist schon ganz weiß, ihr Blick gesenkt.
    Auf ein Mal stockt die Unterhaltung. Eine Pause entsteht.
    - Also gut. Was ist los?, und ihr Fuss wippt zum Klang ihrer fordernden Stimme.
    Die Lippe erhält langsam ihre Farbe zurück.
    - Er hat um meine Hand angehalten…., sie sieht noch nicht auf. Nur ein leichter Seitenblick.
    - Echt? Ihre Stimme überschlägt sich. Etwas zu schnell, etwas zu spät legt sie ihre Hand auf den Mund und ihr Schreck wirkt nicht gespielt.
    Ein zögerndes Nicken.
    Ein begeisterter Blick. Sie umfasst ihre Schultern, zieht sie zu sich.
    - Das ist toll.
    Und als nächstes überschlägt sie sich in Vorstellungen und Vorschlägen. Plötzlich wieder eine Pause.
    - Und, was ist?
    Sie zuckt mit den Schultern.
    - Er will etwas unkonventionelles, sie senkt wieder den Blick, du weißt doch von meiner Höhenangst?
    Ein Nicken.
    - Er will zur Hochzeit von einer Brücke springen. Bungee oder Basejumping. Er will was unkonventionelles. Etwas unkonventionelles, flüstert sie noch einmal. Ihre Stimme zittert immer noch etwas nach.
    Draußen zieht der Hackesche Markt vorbei. Eine Träne stiehlt sich aus ihren Augen. Vielleicht liegt es an der Angst - und nicht an der Höhenangst allein.

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