Sittenhaft

    Wie ist das nun? Ist Liebe ein chemischer Prozeß, der durch Geruch, Optik und all die anderen Kleinigkeiten groß wird? Oder ein rein biologischer Ablauf, den niemand von selbst beeinflußen kann?

     Und, nur angenommen, wenn das so sein sollte: Ist Amor mit seinen Pfeilen dann auf biologischem Kriegsfuss, mit biologischen tickenden Uhren und Fortpflanzungstrieb unterwegs?
    Und wenn das so ist, wenn er biologische Kampfmittel einsetzt, sitzt er dann zu Zeit auf Guantanamo oder im Abu Ghraib?

später noch mal

    Ich bekam mal in einem Brief ein Zitat von Nietsche geschickt: “Es waren einmal zwei Freunde und sie banden ihre Freundschaft von beiden Seiten los. Der eine, weil er sich zu sehr erkannt fühlte. Der andere, weil er sich zu sehr verkannt fühlte. Und beide hatten Unrecht: sie kannten sich beide nicht genug.”

    Zu Sylvester bekam ich vom gleichen Absender per SMS einen Gruß aus der Vergangenheit. Jahre liegen zwischen beiden. Wie die Zeit vergeht. Aber eigentlich wollte ich etwas anderes erzählen und dies sollte nur als Beispiel dienen.

    Ich war heute bei meinem Opa. Davor Termine, danach Verabredung. Es war wie sich Zeit nehmen im Takt der Uhr. Unfair vielleicht auch.
    Als ich los wollte, musste, wieauchimmer, sagte ich: “Du, Opa, ich muss los. Wird dunkel.” Er schaute aus dem Fenster und für einen Moment glich sein Gesichtsausdruck dem eines großen Yedi-Meisters. Dann grinste er. “Hat dein Auto keine Lampen?” Er grinste.

    Zeit vergeht - so oder so. Die Frage ist bloß, ob sie ver(sch)wendet wird.

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Auskunft

    Bin heute Essen gewesen. Maissuppe und ein Köstritzer. Zu viel dazu. Ach ja: und war lecker. Preis bzw. Quittung findet sich in der nächsten Steuererklärung.

    Wie üblich andere Gäste beobachtet. Zum Beispiel dieses Pärchen. Er: Bronzegesicht und auch sonst eigentlich nicht weiter bemerkenswert. Sie: Pradapullover, Lederjacke leicht über die Schultern, auch ledern im Gesicht. Wichtig. Drückten Sie durch Haltung aus. Anyway.

    Sie am Handy. Er am Essen rummeckern. Süßes Pärchen. Aber soll reichen. Ihr habt einen Eindruck, denke ich.

    Als sie kurz nach dem Essen auf die Toilette geht, bittet er um die Rechnung. Die Rechnung kommt, er zieht das Geld, gibt Trinkgeld. Lächelt. Fragt: Was kostet den ihre Telefonnummer?
    Die Kellnerin lächelt zurück. Sagt: die können Sie so haben. Er lächelt. Sie lächelt. Und überreicht ihm die Karte des Restaurants.

    Da geh ich wieder essen.

frei

    Noch etwas müde, grad in die S-Bahn eingestiegen. Die Augen fallen wieder von allein zu. Die Bahn schaukelt mich in den Schlaf. Fast. Etwas mürrisch öffne ich die Augen und sehe den Dreierpack an, der mich vom Schlaf abhält. Ein Mädel, zwei Jungs.

    Sie reden über irgendwas. Öffene Körperhaltung, lachen, aber etwas hastige Gesten. Und immer der Kontrollblick in die Augen des anderen nach einer eigenen Äußerung. Langsam bekomme ich mit, was sie reden.

    - Also ich würde mir das nicht zutrauen, ein Kind mit fünzehn, sagt sie.
    Die Jungs sehen sie an. Bewunderung blitz aus ihren Augen. Einer sieht kruz aus dem Fenster, sieht durch sein eigenes Spiegelbild hindurch.
    - Naja, ich weiß nicht, spricht sie weiter und nuschelt etwas. Das nächste, was ich wieder verstehe, ist Verantwortung. Ich schaue, schätze und bin einer Meinung recht nahe. Für diese Uhrzeit. Für diesen kurzen Eindruck von ihr.

    Ich sehe weiter hinüber. Sie richtet sich etwas auf, ihre Schultern drücken sich wie von selbst durch. Ihre Augen suchen Blickkontakt zu beiden. Hin und her huschen sie. Versuchen zu knüpfen, zu halten. Sie atmet tief ein.
    - Als ich fünfzehn war, sagt sie überzeugt, und mein Kind kam, war ich auch zu jung. Sie schweigt und ihr plötzlichen Schweigen stört. Wie auch ihr Lächeln. Wieder sucht sie Blickkontakt. Ihre Schultern drücken sich noch weiter durch.
    - Zwei Wochen habe ich es behalten. Danach war das einfach zu viel für mich, sie streicht sich durch die Haare, lächelt und spricht weiter, das war einfach zu viel für mich - noch nach der Schule mit dem Kind.

    Den Rest der Fahrt schweigen die beiden Jungs weiter. Ich grüble.

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kleine

    Vielleicht sind es die kleinen Dinge, die das große fühlen lassen. Die kleinen Träume. Oder die kleinbürgerlichen…

   Sehr geehrte® ————–,
bei der LOTTO-Ziehung vom 16.06.2004 entfallen auf Ihren Normalschein mit der Nr. 4824909
2,50 EUR

Gewonnen haben:
 Eine richtige Endziffer bei Super 6 (2,50 EUR)

Alle Angaben ohne Gewähr.

Bitte beachten Sie:
Gewinne über 2.500 Euro können aus Sicherheitsgründen erst nach Vorlage einer Ausweiskopie ausgezahlt werden.  Senden Sie uns bitte per Post, Fax oder Email eine leserliche Kopie von Vorder- und Rückseite Ihres Personalausweises zu.

Mit freundlichem Gruß,

   
    Na, gut - behalte ich halt meine Ausweiskopie zu Haus. Und meine kleinen Träume für mich.

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Kakteenrumstachelgetue

    Gestern war Sting live in Berlin. Da hab ich mal vorbei geguckt. Naja, was soll ich sagen? Das neue Album durfte ich mal auf einer ruhigen Fahrt durch den Taunus hören. Klingt nett - wie ein Lied am Stück mit verschiedenen Variationen. So war das Konzert auch. Nur die alten Lieder ließen den Puls - auch bei anderen - steigen.
    Aber eigentlich wollte ich was anderes erzählen.

    Hab mich am Montag mit ner Kumpeline getroffen. Während ich am Treffpunkt auf sie wartete betrieb ich sowas wie realtime-reality-soap: ich beobachtete die Leute, die vorbei gingen und aß ruhig einen Apfel.
    Im Schauen und Gucken fiel mir ein Mädchen auf. Sie saß auf einer Bank schräg gegenüber. Die Füße schräg, leicht auseinander, die Knie zusammen . Auf  die Knie die Ellbogen abgestützt. Vor ihren Mund hielt sie ihre Zigarette, die leicht glimmend herunterbrannte ohne das sie einen Zug davon nahm. Die Lippen dennoch leicht gespitzt, als hätte sie mitten im Weg zu einem Kuss eingehalten.
    Ihre Augen schauten auf einen fixen, vielleicht fiktiven Punkt, ohne sich zu bewegen. Anstatt zu blinzeln kniff sie ab und zu die Augen fest zusammen - um sie sofort wieder aufzureißen und den Punkt zu fixieren.

    So saß ich da und stellte mir vor, was sie wohl auf diesem Punkt sah. Ich fixierte sie, achtete auf jede kleinste Bewegung. Stellte mir vor, erträumte mir ihre Gedanken. Ich legte den Kopf leicht schief, als würde das meine Fantasie, meine Vorstellungskraft an die richtige Stelle rutschen lassen.
    Als ich wieder in meinen Apfel beißen wollte, stellte ich fest, dass nur noch die Gripsch übrig war und ich genau in das Kerngehäuse gebissen hatte. Die Mundwinkel leicht angeeckelt nach oben gezogen sah ich in die Augen des Mädels gegenüber. Sie lächelte.
    - Erwischt, formten ihre Lippen.

Frage

    Was bringt jemanden dazu, Selbstbestätigung in den Augen anderer zu suchen?

i’ll be

    Aus dem Urlaub zurück - und festgestellt, dass mein Verabschiedungs-blog nicht mehr da war. Wohl auch mit mir ausgeflogen. Und gut erholt in den binären Welten verschwunden. Auch gut.

    Ein Eindruck, dem ich mich nicht erwehren konnte: Die Frage “und, wie wars denn” beantworten Deutsche auf meist typische Weise:
    - es war sehr sauber 
    - die haben da nur zwei Fernsehsender
    - die fahren da sehr ruhig. Alle. Sehr ruhig. Ist ja auch mal ganz schön.
 
    Was sagt das wohl aus?

   
    Und was anderes: Meine Lieblingsstatistik. In Regionen, wo die Störche am dichtesten sind (nee, das klingt nicht), in der Störche am häufigsten vorkommen, sind Nachkommen am häufigsten. Heißt: wo viele Störche: da viele Kinder.
    Aber Statistiken haben wir ja noch nie geglaubt, oder?
    Da schon eher dies: in einer Radiosendung rief jemand an und wünschte sich ein Lied, da dieses Lied allein dafür veranwortlich sein, dass er und seine Freundin jetzt zu dritt sind.
    Wie das Lied heißt habe ich jetzt leider vergessen. Ich hoffe darauf, dass dies Vergessen dann auch sowas wie ne Verhütungsfunktion hat.

    In diesem Sinne: ab ins Bett mit euch.