Reif

Wie lange mag es her sein? Zehn Jahre? Fünfzehn? Ist ja auch nicht ganz so wichtig. Ich war noch etwas jünger, hatte die Haare etwas anders, aber schlief genauso viel wie heute - an guten Tagen.

Beim Koffer packen fiel mir heute ein Utensiel in die Hände, das ich zum letzten Mal beim letzten gemeinsamen Urlaub mit meinen Eltern benutzt habe. Kurz: es war weder so wie es sich meine Eltern vorgestellt hatten, noch lief es nach meinen Vorstellungen. Der heilige Schwur “Nie wieder schalte!” später durch die Wohnung. So ward es. Bis heute.

Meine Eltern haben sich verändert. Ich würde für mich in Anspruch nehmen, dass dies auch für mich gilt. Meine Schwester
kommt auch wieder mit, ihr Kerl und ihr Kind - mein Spatz.

Wünscht mir Glück.

In Berlin scheint die Sonne

- wen Engel beißen.

Phil O. Sofa

    Jemand hat mir mal gesagt, dass man selbst nur so gross ist wie die Dinge, die man sieht. Heißt wohl, dass man die großen Dinge nur sieht, wenn man selbst groß ist - den eigenen Horizont als Grenze.
    Mh.
    Heute habe ich gelesen: Kinder sind Engel, deren Flügel im gleichen Maße schrumpfen, wie ihre Füchse wachsen.
    Welchen Preis hat groß? Welchen hat klein.

    Anyway.

    Ich habe mich heute mit jemanden unterhalten. Er fragte mich: So, du schreibst also Kurzgeschichten? Und es klang wie: Aha, du klaust also Rentnern ihren Klosterfraumelissengeist? Er schniefte etwas. Aber vielleicht lief ihm auch die Nase. Er sagte: ich könnte viele Geschichten erzählen. Schreiben? Ich weiß nicht. Er sah zu seiner Frau und noch während des Blickkontaktes sagte er weiter: es gibt da diese Geschichte, wie ich sechs Korn trank und dann zu dieser Frau ging und sie fragte wie es wäre. Wieder sah er zu ihr herüber und ihr Lächeln entfachte seins.
    Bald sind es dreizig Jahre, flüsterte er.

    In solchen Momenten möchte ich an Ehe glauben.

    Einen noch:

    Auf der Fahrt heute nach Berlin sah ich die Wagenkollonen vor mir, hinter mir, hörte den Asphalt unter den Rädern. Ich fühlte mich wie in einem sich schlängelnden Stau. Keine Bewegung. Mit ungewissem Ziel.
    Dann sah ich in den Außenspiegel und sah die Reflektion an der hinteren Schreibe. Als würde der Himmel direkt auf dem Hintersitz beginnen. Lange fühlte ich mich dem Himmel nicht so nah. Vielleicht aber war auch er mir nahe.

    In Berlin scheint die Sonne in mein Zimmer.

Salvatore

    Wie schon die Cranberries sangen: Salvation is near. Es ist geschehen, aus heiterem Himmel. Und ich kann mir vorstellen, welche Mühen, Aufopferungen, welchen Willen und welche Beharrlichkeit ist benötigt hat. Jahre des Wartens und Sehnens sind vorbei. Einfach so. *plopp*

    Vor nicht allzu langer Zeit hörte ich noch: die günstigen nach Italien, die gut schmecken nach Frankreich und die gut aussehen nach Deutschland. Wie gesagt: gar nicht lange her.
    Und endlich! Ich war heute einkaufen und was sehe ich? 500 Gramm, HKL.I 57-67 mm, holländische Geschmacks-Tomaten. Also das Geschmack, nicht nur als Hinweis - deutlich, überdeutlich in fetten Buchstaben dahingedruckt und zusätzlich der Hinweis: besonders aromatisch.

    Ich mag mir noch gar nicht vorstellen, was als nächstes kommen mag. Sommer mit Sonne und Schoko-Eis, Winter mit Schnee und Glätte, Berlin mit gestressten Menschen und Ruhe plus Pils im Park!?
   
Von was man alles in diesem Moment der Offenbarung träumen mag! Von was mag man jetzt noch träumen?

—–

Gedanken zum Tee

    War heute beim Friseur. Und das soll kein Hinweis für Leute sein, die mich morgen sehen. Jedenfalls, ja, nach Jahren der schüchternen Zurückhaltung, rede ich ungefähr seit meinem siebzehnten Lebensjahr mit den Friseurinnen. Belangloses Zeug, lustiges, persönliches. Hin und her, kreuz und quer. Und während sie mir heute die Kopfhaut massierte und von der Haarfarbe ihrer Oma redete, glitten meine Gedanken weg und kippten leicht auf die Seite.

    Die Frage, die sich in meine Gedanken wuchtete: Gibt es eigentlich Friseure für Intimrasuren? Wie muss bzw. müsste man sich das vorstellen? Und, verdammt!, über was unterhalten die sich so mit ihren Beschnittenen, ähm, Kunden?

Ehe.Maligentreff

    Eigentlich wußte ich es vorher. Und die anderen wenigen, die kamen auch: es kommen immer weniger. Ehe, Kinder, abgelaufene ADAC-Mitgliedschaft. Die üblichen Ausreden und Verdächtigen. Aber vielleicht wußten sie es auch. Und kamen einfach nicht.

    Ehemaligentreffen. Von hundert aus meinem Jahrgang waren neun da. Inklusive mir selbst. Aber das ist wohl nur ein Teil des Erfolges. Es war schön, zu sehen, dass sich nichts geändert hat. Das Lächeln. Eventuelle Rollenverteilungen. Ein kleiner Schritt zurück zu alter Nähe, vielleicht Vertrauen.
    Und es war schön zu sehen, was sich geändert hatte. Selbstbewußtsein. Offener Blick. Bewußtsein um dieses Geschenk. Das Erinnerung Nahrung sind. Vielleicht Zutaten für neue Nahrung. Doch! Es war doch nicht umsonst. Für ein Lächeln, ein Lachen. Einen schönen Moment. Bevor man wieder zurück geht - zu dem was man geworden ist. Und zurück zum Wissen um das Versprechen: wir hören uns.
   
    Wir werden sehen. Vielleicht werden wir uns sehen. Das nächste Mal.

wink a blink

    Jeder kennt das. Hat davon gehört. Ich wünsche es jedem: die Magie im Augenblick. Den Zauber eines Blickes. Der eine Moment von dem Filme, Lieder, Bücher handeln, singen, den sie preisen. Eine Sekunde lang: die ganze Welt, all das Leben.

    Ich hab heut an der S-Bahn gesessen. Auf jemanden gewartet. Die Sonne schien etwas schräg durch die Wolken, verschüchtert durch die schwere Decke aus Regen und drohendem Donner. Die Bahnhofsuhr überlegte sich jede Bewegung lange. Bedächtig stolzierten ihre Zeiger über das Ziffenblatt.

    Irgendwann, mitten in einem Traum fingen die Gleise an zu singen. O.k. das ist geklaut. Die Bahn kam. Ich besah mir die Leute, die aus der Bahn stürzten. Einer Springflut gleich. Irgendwo zwischen all diesen Menschen, Gestalten, Figuren ging sie. Das spürten die Instinkte in mir. Ohne das ich diese Ahnung zu ordnen konnte. Und es war wie in den Filmen: die Menge teilte sich. Sie sah mir in die Augen. Senkte den Blick kurz wieder. Es war einer dieser Momente.
    Magie.

    Sie sah mir wieder in die Augen, kam auf mich zu.
    - Na, hast mich gleich gesehen, fragte ich mit einem Lächeln und einem Gefühl wie Sternenstaub.
    - Mh, eigentlich habe ich noch einem Mülleimer gesucht, sagte sie.

    Aber vielleicht, nur vielleicht braucht man diese Momente ja auch gar nicht. Nö. Nö.

    Über Berlin wird es Nacht.

—–

Blinde Kuh

Es wird Frühling. Könnte man sich einreden. Aber
wenn das schon nicht am Wetter zu merken ist, den Menschen schon. Die
Hormone, die Hormone, schreit es als Kampfruf aus tiefen
Emotialkellerlöchern und sonnenentwöhntem Schattendasein.

In Scharen, Horden und Einzelgängervereinen suchen
Menschen ihres Gleichen zum, ähm, *hüstel*, Lust_auf_nen_Kaffee-fragen,
Rücken eincremen und Drinks ausgeben. In der Regel findet diese Suche
im Internet statt.

Dies ist dadurch begründet, dass immer weniger
Menschen auf den richtigen Straßen, statt den Datenhighways unterwegs
sind, weil sie über Internet nach Kontakt suchen. (Siehe: zirkuläre
Kausalität.) Die Kennenlernbörsen schießen aus dem Boden. Und so trifft
man sich zu blind dates. Treffend. Die Gefahren eines blind Dates
werden jedoch häufig unterschätzt.

Nehmen wir meinen fiktiven Freund Joe. Der hatte
sich zu einem blind Date verabredet. Gut, das hatte geklappt. Als
Beispiel für die Gefahren von blind dates also nicht vorzeigbar. ABER als ich, ähm, Joe sich das zweite Mal mit der Frau treffen wollte geschah es.

Joe war kurz vor der vereinbarten Zeit am
Treffpunkt. Da rauschte eine Frau an ihm vorbei, bei der er sich nicht
sicher war, ob sie nicht sein date war. Zumal sie beim ersten Treffen
damit geprahlt hatte, dass sie immer überpünktlich war. Das hätte schon
stutzig machen müssen.

Jedenfalls rauschte sie an ihm vorbei. Er griff zum
Handy. Nun kann er nicht sagen, He! Ich stehe hier am Kino und eben ist
ne schöne Frau an mir vorbei. Warst du das?

Wäre Fehler. Daher unschuldig und süß geflötet: Hallo! Bist du schon da?

*ZONK* Vor dem Klick in der Leitung verstand Joe
noch kurz - zwischen den reißenden Stimmbändern und der Hysterie -
etwas von ständiger Kontrolle, wie mein letzter Freund, gleich lassen
können und irgendwas mit Kuchen backen.

Der Abend schien gerettet. Ersparnis: 16 EUR
Kinokarten, 5 EUR Popcorn, 5 EUR Getränke. Joe fuhr nach Hause,
rief einen Kumpi an. Pizza essen. Ne Flasche Wein. Tanzen gehen. Es
gibt Dinge, die kann man nicht kaufen. Alles andere sind blind dates.

In Berlin wird es Frühling. Könnte man denken.

with a little help

    “Ich werde nie so alt, wie ich mich fühle”,  seufzte neulich jemand vor mir, “kein Wunder, dass Treppensteigen kein Hobby ist.”
    Kein Geschlecht hat wohl soviel Probleme mit dem Älter werden wie die Männer. Ja, da bleiben nicht mehr viele andere Geschlechter übrig und die haben dann halt andere Probleme. Oder Problemzonen. Obwohl: kann man das Alter als Problemzone für Männer bezeichnen? Denk ich nachher noch drüber nach.
    Die Zeit vergeht so schnell. Ich weiß noch wie gestern, als ich solche Sätze wie “ja, damals” oder “ich weiß noch wie gestern” nie sagen wollte. Und wenn Jarvis Cocker sang “help the aged”… Anyway.

    Dienstag habe ich meinen Opa besucht. Es saß draußen in der Sonne mit ein paar Ladys auf den Bank, ein Lächeln auf dem Gesicht. Ein Lächeln, das breiter wurde, als er mich sah. Und wie jedesmal sagte er zur Begrüßung: “Ich habe gerade heute an dich gedacht. Na, heute wird er wohl vorbei kommen.” Dann ein Lächeln und “Na, dann lass uns mal hochgehen.”
    Eine Frau entschied sich auch mitzukommen. Ich bot ihr meinen Arm als Stüze an. Ruhigen Schrittes gingen wir in Richtung Fahrstuhl. Mein Opa voraus. Er wartete an der Fahrstuhltür auf uns, tippte mit seinem Stock immer leicht dagegen. Klick-klick-klick.
    Die Frau sah mich von der Seite an. “Haben Sie auch hier ihr Zimmer im Heim?”, fragte sie mich. Das Gesicht meines Opas durchzog ein breites Grinsen und er antwortete für mich.
    “Noch nicht” und sein Grinsen wurde noch breiter. Er lachte. Wahrscheinlich ist es das, was ich vom ihm lernen kann. Und er muss es wissen - nach 95 Jahren.

  

matt.ematik

Ich bin dran. Lange schon. Und habe es so gewollt. Aber wenn man davon ausgeht, dass Züge Sache der Bahn sind und die irgendwie per Post verschickt werden müsste, kann das Verspätungen schon mal rechtfertigen. Oder im Fall der Fälle immerhin als Ausrede dienen.
    Auf der langen Bank nachgeschaut sieht man dann, dass es da anderen ähnlich ging - mit ihren Zügen. Den letzten WM Titel in Gold holte die DDR 1995. Also 5 Jahre nach der geschichtlichen Disqualifikation. Und selbst Käptn Blaubär, der Bezwinger der Lügenmeere und Dr. Feinfinger, sein Erzfeind, Erfinder des Personenfaxgerätes und Fernschachgegner hatten da sicher manchmal ihre Probleme - mit den Zügen.
    Aber: zur Sache. Ich bin dran. Lange schon. Wer spielt den heute noch Fernschach? Keine Antwort? Gut. Dann setze ich d2 g5.